Das mittlere Kind (2017)

23.06.2017

Erschienen am 20.06.2017 im Blog des Magazins zugetextet.com.

Siehe https://www.zugetextet.com/?p=2855.


Über diese Geschichte

"Das mittlere Kind" entstand im Rahmen intensiver Gedankenarbeit zum Thema Verantwortung. Wofür bin ich verantwortlich? Für welche Verantwortungen bin ich bereit? Welche Verantwortung verweigere ich, welche übernehme ich, obwohl sie mir eigentlich nicht zusteht?

Ich kenne Menschen, die für kaum irgendwelche, irgendwie geartete Verantwortung bereit zu sein scheinen. Erwachsene Menschen, die jede Verantwortung meiden oder - wenn sie sich ihr fügen müssen - daran verzweifeln. Ich empfinde gleichsam Mitleid und Neid für diese Menschen. Ihnen ist "Das mittlere Kind" gewidmet.

Ich selbst habe ebenso meine Probleme mit der Verantwortung. Selbstverständlich ist mir nichts passiert, das dem Kaliber der Erfahrung entspricht, die der Protagonist dieser Geschichte macht (oder nach dem Text machen wird; wer nicht weiß, was ich meine: Die Figur täuscht sich in dem Glauben, sie hätte ihrer kleinen Schwester mit dem Drehen auf den Bauch und den vielen Polstern einen Gefallen getan). Aber (sehr) entfernt Vergleichbares ist mir widerfahren und hat den Text - in Form unbewusster Inspiration, die mir erst nachträglich, nach dem Lektorat durch zugetextet, ersichtlich geworden ist - geprägt und mitgestaltet.

Viele Erinnerungen habe ich nicht an meine Kindheit (und die, die ich habe, sind - wie bei allen anderen Menschen, wenn gegenwärtigen Ergebnissen der Hirnforschung geglaubt werden darf - gewissermaßen Fake News). Aber durch Nacherzählungen erscheinen mir zwei sehr plastisch und prägnant.

Der kleine Thomas hat einst versucht, seine noch kleinere Cousine aus ihrem Gitterbett zu heben, während Oma auf der Toilette gewesen ist - und als Oma zurückkehrt ist und ihn dabei erwischt hat, ist sie einer milden Panik verfallen; ich dürfte das nicht, hat man mir erklärt, ich sei zu klein dafür.

Der nicht mehr ganz so kleine Thomas hat einst einer durchaus noch kleinen entfernten Verwandten erlaubt, von seinem Tiramisu zu kosten, weil ihre Augen gar so (neu)gierig darauf gerichtet gewesen sind. Die Mutter dieser entfernten Verwandten hat quer durch den Gasthaussaal ein "Nein!" der Verzweiflung ertönen lassen, weil sie ihre Tochter vegan hat ernähren wollen.

Erklärt, warum meine Körpergröße und mein Alter eine Rolle dabei spielen, ob ich ein Baby halten darf oder nicht, hat mir niemand.

Erklärt, was genau vegane Ernährung ist und wieso man sich für sie entscheidet, hat mir damals ebenso noch keiner.

Dem jungen Buben in dieser Geschichte hat man auch eine Art Nanny zur Seite gestellt, weil er sich nicht selbst um seine kleinen Geschwister kümmern kann - aber niemand hat ihm erklärt, wieso er sich nicht selbst um seine kleinen Geschwister kümmern kann.

Kinder sind nicht klug oder dumm. Ob Kinder klug oder dumm oder irgendetwas zwischen diesen Kategorien - oder irgendetwas außerhalb von ihnen - werden, entscheidet sich in jenen ersten Jahren, in denen sie sich zur Gänze auf Erwachsene verlassen (müssen). Was jede Einzelperson den Kindern, die eine Rolle in ihrem Leben spielen oder ihr auch nur über den Weg laufen, vermittelt, ist recht wurscht - richtig und falsch und gut und schlecht sind wandelbare Erfindungen einer Gesellschaft von Gesellschaften, die nichts Besseres mit sich anzufangen weiß. Wichtig ist, wie es ihnen vermittelt wird. Ihr wollt Kinder großziehen, die später im Leben mit Verantwortung umgehen können?

Wenn ihr ihnen sagt, was sie zu tun haben - erklärt ihnen, wieso sie das zu tun haben.

Selbst, wenn sie's nicht kapieren - sie werden versuchen, es zu verstehen.