Die höchste Etage (2015)

18.10.2017

Am Donnerstag war ich eingeladen, die höchste Etage aufzusuchen, um meine Sicht der Dinge zu schildern. Ich sage "eingeladen", aber ob der Terminus geeignet ist, die Situation zu begreifen, weiß ich nicht.

Bisher war erst einer meiner Kollegen in der höchsten Etage gewesen, und er hatte nie erzählt, was sich dort zugetragen hatte. Sein Gesicht nahm einen eigenartigen Ausdruck an, jedes Mal, wenn man ihn zu dem Thema befragte. Seine Augen schlossen sich für einen Moment fest, sein Mund schmälerte sich zu einem lippenlosen Strich, und sogar seine Nasenhaare schienen sich Richtung Gehirn zurückzuziehen, als würde alles, was sich hinter seiner Haut verstecken konnte, dieses Privileg plötzlich nutzen wollen. Man konnte förmlich sein Ohrenschmalz in den eigenen Ohren rauschen hören, als es hinter sein Trommelfell zu verschwinden suchte. Und dann sagte Albert so etwas wie: "Ich wurde gebeten, keine Details weiterzutragen." Oder: "Es war eine schlichte Unterredung, nichts Erwähnenswertes." Oder: "Das Wetter zum Wochenende soll entzückend werden, man sollte in Erwägung ziehen, an den See zu fahren."

Aber niemanden irritierte dieses Verhalten allzu sehr. Es war allgemein bekannt, dass mit den Vorsitzenden der Firma nicht gut Kirschen essen war. Eine Konfrontation mit ihren starren Gesichtern bedeutete Schweiß auf der Stirn und Trockenheit im Mund. Woher alle das wussten, das wusste keiner so genau, denn begegnet waren die meisten von uns ihnen bisher nur, wenn sie erhobenen Hauptes die Eingangshalle des Gebäudes durchquerten, morgens von der Drehtür zum Aufzug, abends vom Aufzug zur Drehtür. Es war wohl so, dass jeder aufgrund ihres Gebarens vermutete, ein Gespräch mit ihnen könnte kein Zuckerschlecken sein. Die Ausschweifungen meines Kollegen über geheime Details, schlichte Unterredungen und das wochenbeendende Wetter dienten nur als weiteres starkes Indiz.

Als der Donnerstag kam, betrat ich das Gebäude mit einer Art eingeübten Selbstsicherheit. Ich möchte nicht sagen, sie sei vorgespielt gewesen - lediglich mühevoll angeeignet. Ich trug mein professionellstes Kleid - das schwarze, das meiner besten Freundin so gut gefiel - und meine professionellsten Schuhe - die hohen, die richtig hohen, die mich noch jedes Mal zum Bluten gebracht hatten. Außerdem trug ich mein professionellstes Lächeln - das, von dem man meinen konnte, es wäre gar nicht vorhanden, und wenn, dann eher ein leicht spöttelndes Grinsen. Ich hatte am Dienstagabend noch vorsorglich meinen Friseur aufgesucht, der mich getadelt hatte, weil ich ihn so oft nur belästigte, um mir die Spitzen schneiden zu lassen. Aber auch diesmal hatte ich nicht mehr von Andreas gebraucht: "Schneide die Spitzen gleichmäßig, bitte", hatte ich gesagt, und hier ging ich nun, mit den professionellsten Spitzen: gleichmäßigen.

Ich gab Acht, exakt den gleichen Weg vom Eingang zum Aufzug zu nehmen, wie ich ihn die Vorgesetzten hatte nehmen sehen. Wenn ich in ihren Fußstapfen schritt, wer weiß, vielleicht würde das meiner gespielten - nein - meiner gemachten Selbstsicherheit den letzten Schliff verpassen. Natürlich wusste ich, dass ich nur erzählen sollte, was ich von dem Skandal der letzten Tage mitbekommen hatte. Ich sollte heute weder überzeugen noch beeindrucken noch mehr leisten als den Mund zu öffnen und zu berichten, was ich gesehen und gehört hatte. Aber - gab es überhaupt so etwas wie die falsche Zeit, um zu überzeugen, zu beeindrucken, zu leisten?

BING! - der Aufzug erreichte das Erdgeschoss, die Tür schob sich auf. Ich stolperte beinahe über den Spalt zwischen festem Boden und der Stahlplatte, die noch leicht surrte, als könnte sie es kaum erwarten, sich wieder mit dem Rest des Automaten in Bewegung zu setzen. Mit einem dumpfen Rumoren schloss sich die Tür.

Ich hasste den Aufzug in diesem Gebäude. Er fuhr so leise, sein Inneres blieb während der Reise so starr, dass man nie wusste, ob er tatsächlich unterwegs in eine andere Etage war. Wäre da nicht das rote Licht der Anzeige, das blinkend eine Zahl nach der anderen präsentierte, musste man nahezu davon ausgehen, dass man sich nicht von der Stelle bewegte. Aber selbst mit dem Licht war ich mir nie sicher. Woher wusste ich, dass stimmte, was die Anzeige behauptete? Wenn mein Körper mir etwas anderes erzählte, wieso sollte ich davon ausgehen, dass er dasjenige war, das mich belog? Ich lauschte, horchte nach einem Summen in der Wand, nach einem Knacken in der Maschinerie, versuchte, meine Gliedmaßen eines verräterischen Zitterns zu überführen, das ein für alle Mal beweisen könnte, dass ich nicht so regungslos war, wie ich mich fühlte.

Aber nichts. Zumindest nichts, das über das Surren hinausging, das der Aufzug auch stehend im Erdgeschoss von sich gegeben hatte.

Ein weiteres BING riss mich aus dem meditativen Zustand, in den ich mich hineinphilosophiert hatte. Das rote Licht blinkte nicht mehr, sondern war auf der höchsten Zahl, die die Anzeige kannte, zum Erstarren gekommen. Ich räusperte mich, fuhr mit den spitzen Fingernägeln meiner linken Hand durch mein Haar, und wartete darauf, dass der Aufzug mich auf einen Korridor ausspuckte, den nur wenige Angestellte jemals zu Gesicht bekommen hatten.

Die Tür schob sich zur Seite. Ich wagte die Schritte aus dem Aufzug - und blieb sofort stehen.

Ich blinzelte. Blinzelte noch einmal. In meinem Kopf schien das leise Surren des Liftbodens zu dröhnen, aber sonst nichts. Ich glaube, es wäre treffend, zu sagen, dass ich in diesem kurzen Augenblick, in dem ich versuchte, zu realisieren, was vor sich ging, schlicht und ergreifend nicht funktionierte.

Das Erdgeschoss erstreckte sich vor mir. Der Aufzug hatte sich tatsächlich nicht bewegt.

Ein kurzes Lachen entkam mir, aber es war ein schales Geräusch, humorlos und nervös. Ich wollte mich umwenden, um wieder in den Aufzug zu steigen, als ich erneut mitten in der Bewegung einfror.

Am anderen Ende der Halle befand sich nicht die Drehtür, durch die ich die Firma betreten hatte.

Am anderen Ende der Halle befand sich der Aufzug.

Ich blickte hinter mich und sah die Eingangstür. Ein Knacken in den Tiefen meiner neuronalen Windungen verriet mir, dass mein Gehirn sich gerade darum bemühte, zu begreifen, was geschehen war.

Komisch, dachte ich. Bin ich so nervös, dass ich mir einbilde, Dinge zu tun, die ich gar nicht tue?

Aber so komisch war das gar nicht. Ich hatte mir, seit die Einladung in die höchste Etage eingetroffen war, mehrmals ausgemalt, wie genau ich am Donnerstag vorgehen würde. Man hatte mich schon oft für meine Vorstellungskraft gelobt. Diesmal hatte ich sie offenbar so effektiv eingesetzt, dass ich mich selbst getäuscht hatte.

Ich schmunzelte, ging durch die Halle, stieg in den Aufzug - BING! - und fuhr in die höchste Etage.

BING! Ich stand im Erdgeschoss, die Eingangstür hinter mir, der Aufzug am anderen Ende des Raumes. Niemand sonst war hier - das war nicht weiter verwunderlich, ich war früh in der Firma eingetroffen, um zu zeigen, wie motiviert ich war.

Meine Beine fühlten sich schwer an, als ich wiederum - nein, in Wirklichkeit nicht wiederum, in Wirklichkeit zum ersten Mal, in Wirklichkeit endlich - zum Aufzug lief.

BING! BING! Das dumpfe, graue Licht der Frühmorgensonne flutete hinter mir durch die Glaswand des Eingangsbereichs, der Aufzug wartete auf mich am anderen Ende der Halle.

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Weg lief - wie oft ich mir diesen Weg vorstellte, meine ich natürlich. Ich weiß nur, dass ich, als es viele Stunden später immer noch sechs Uhr dreißig morgens an einem lauen Donnerstag war, beschloss, mich umzudrehen, durch die Drehtür das Gebäude zu verlassen, nach Hause zu gehen und mich für den Tag krank zu melden. Von den Vorgesetzten habe ich bis heute nicht mehr gehört. Scheinbar hat meine Sicht der Dinge doch keine Dringlichkeit für ihr weiteres Vorgehen. Das macht nichts. Seltsam ist nur, dass mich meine Kolleginnen und Kollegen laufend fragen, wie das Gespräch auf der höchsten Etage denn nun gelaufen ist - ich sei an jenem Donnerstag den ganzen Tag lang blass wie ein Geist gewesen. Anfangs habe ich noch zu erklären versucht, dass ich gar nicht im Büro gewesen bin, dass ich zuhause geblieben bin, dass sie mein geistweißes Gesicht nicht haben sehen können. Aber mittlerweile habe ich erkannt, dass das nichts bringt. Wenn sie mich jetzt nach dem Gespräch mit den Vorgesetzten fragen, wechsle ich meistens das Thema. Der angenehme Sommerwind, der uns bisher durch das Monat getragen hat, eignet sich gut dafür.


Über diese Geschichte

Verfasst für das Sommerfest des Club Poesie 2015 (Thema: "Kafka Remixed") stellt "Die höchste Etage" einen meiner persönlichen Favoriten aus meinem Werk dar. Die Geschichte hat sich mit einer erstaunlichen Leichtigkeit schreiben lassen, die ich mir bis heute nicht ganz erklären kann.

Der Horror des Texts liegt meiner Meinung nach nicht nur in der Unnahbarkeit der Firmenobrigkeit und in dem trickreichen Aufzug begraben, sondern wird auch einerseits durch seine Unspezifität in potentiell handlungsrelevanten Details bestärkt (in welchem Bereich ist die Hauptfigur tätig? welche Art von Firma ist das?) - und andererseits durch den Umgang der Protagonistin mit der beunruhigenden Erfahrung gefüttert.

Es ist mir eine besondere Freude, "Die höchste Etage" endlich - über zwei Jahre nach ihrer Entstehung! - einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Mein erstes von vielen All Hallows Eve-Geschenken an mich selbst.