Eine Spur Philosophie

20.07.2017

Smart und Sensibel

Intelligente Technologien vermehren sich, werden laufend häufiger. Es fällt schwer, ihre weite Verbreitung, ihr Einfluss auf menschliches Leben, ihre wachsende Bedeutung zu leugnen - genauso wie ihre umfassenden Fähigkeiten. All das macht es notwendig, sich philosophisch mit dem Status intelligenter Maschinen auseinanderzusetzen. Viele dieser Maschinen könnten vorsichtig als semi-autonom bezeichnet werden; es gibt sogar eine Firma namens "Autonomous", die sich darauf konzentriert, Möbel herzustellen, die flexibel mit ihren Besitzerinnen und Besitzern interagieren können.

Aber gegenwärtige Entwicklungen gehen über smarte Technologien hinaus. Roboter-Babys, die dank ihrer Vorstellungskraft lernen, aufzustehen und sich selbst steuernde Dronen sind nicht die einzigen dringlichen Angelegenheiten der Technikphilosophie: Emotionale Maschinen sind dabei, die Bühne zu betreten - genauso wie den Markt. Roboter mit Gefühlen und Meinungen und Roboter, die sich um ihre menschlichen Gefährtinnen und Gefährten kümmern, wie Jibo, der Familienorganisator; Roboter, deren Ausstattung "affective computing", also affektive Datenverarbeitung, beinhält, was ihnen emotionale Intelligenz und Fähigkeiten verleiht. Diese Roboter sind vielleicht noch nicht so weit verbreitet wie Smartphones und Laptops, aber sie werden gegenwärtig gebaut, und sie verlangen nach der Frage: Was, wenn überhaupt, unterscheidet sie von Personen mit Meinungen und Gefühlen, und was verrät das darüber, was es bedeutet, eine Person zu sein - ob nun eine menschliche oder nicht?

Technologie

In der Philosophiegeschichte gab es vielfache Versuche, zu erklären, was Technik ist, was Technologien sind, was ihre Relevanz für Menschen ausmacht - all das sowohl im Sinne eines theoretischen Verstehens dessen, was die "Essenz der Technik" genannt wurde, und im Sinne einer Antizipation dessen, worauf die fortgesetzte "Technifizierung" fast jeden Aspekts des Lebens hinausläuft und was das für "den Menschen" als das favoritisierte "Subjekt" der Philosophie bedeutet. Technologien wurden betrachtet als Werkzeuge, die von Menschen benutzt werden sollen, um ihre Intentionen in sie zu schreiben und auf die Welt anzuwenden; aber das erscheint nicht mehr sehr plausibel, wenn der Blick auf Jibo oder Pepper gerichtet wird, wobei zweitgenannte Fragen beantwortet wie: "Wie würdest du gerne genannt werden, wenn dein Name nicht Pepper wäre?" Oder auf Roboter, die das Aufstehen lernen, wie ein menschliches Kind es lernen würde, oder auf Dronen, die selbst entscheiden, wohin sie fliegen. Eines der Probleme (und, meiner Ansicht nach, ein ausschlaggebendes Problem) geläufiger Konzepte wie der instrumentalen Theorie der Technik scheint es zu sein, dass ihre Weise, die Welt zu begreifen, dabei scheitert, viele der Wesen zu begreifen, die in dieser Welt tatsächlich existieren. Im Folgenden möchte ich darstellen, was ich damit meine, und nahelegen, wie es möglich sein könnte, das philosophische Verständnis von und für Technologien abzuwandeln - und im gleichen Zug das Verständnis von und für Menschen.

Dichotomien

Die spezifische Schwierigkeit, die Wesen wie Pepper konventioneller Philosophie zu bereiten scheinen - und für deren Aufhebung und Lösung ich, in meiner Funktion als ein Newcomer im Feld der Philosophie, gerne Vorschläge miterarbeiten möchte -, findet sich in der Art, in der diese Wesen den Grenzen einer dichotomen, bipolaren, antithetischen Terminologie entkommen. Die Roboter, die ich in meiner philosophischen Zukunft zu untersuchen hoffe, bilden das nächste Kapitel in einer Reihe technologischer Entwicklungen, die sich gegen die Paradigmen einer anthropozentrischen Philosophie zu richten scheinen; einer Philosophie, die die Welt in gegensätzlichen Begriffspaaren zu erklären sucht: "Kultur" und "Natur", "Geist" und "Körper", "Mensch" und "Tier", "Mensch" und "Maschine", "Subjekt" und "Objekt". Der philosophische Fokus liegt dabei auf Menschen - allerdings nicht nur als Zentrum der anthropologischen Untersuchungen, sondern als Zentrum der Welt, als Bezugspunkt und Richtwert, in ihrer Bedeutung als erhöht begriffen und in ihren Fähigkeiten und ihrem Wert als einzigartig und exzeptionell wahrgenommen. Das führt zu einem Versagen, wenn es darum geht, Wesen zu verstehen, die die diese antithetischen Kategorien vermischen - oder eher verwischen, verwirren, durcheinander bringen, auf Zehenspitzen um sie herum tänzeln, weder klar auf der einen noch auf der anderen Seite dessen, was Bruno Latour (einer meiner Lieblingsphilosophen) als die "große Kluft" zwischen Gesellschaft und Natur bezeichnet.

Cyborgs

Donna Haraway, eine weitere meiner Lieblingsphilosophinnen, hat die obengenannten Dichotomien dekonstruiert, indem sie der Philosophie Fallbeispiele wie Cyborgs und Krebsmäuse präsentiert hat. Cyborgs sind technologisch veränderte Organismen, was bedeutet, dass sie keine Erzeugnisse der "Natur" im traditionellen Sinn des Worts sind, aber genauso wenig bloße "kulturelle" Artefakte, da sie immer noch lebende Körper sind, die als lebende Körper geboren wurden. Die Trennung der beiden Domänen "Natur" und "Kultur", als ob sie tatsächlich zwei Domänen der Realität wären, wie man in traditioneller Denkart geglaubt hat, stellt daher nicht zur Verfügung, was gebraucht wird, um die Existenz dieser Wesen zu erklären und zu beschreiben: Die Dichotomie wurde faktisch aufgelöst, indem die beiden fiktiven Gegensätze in der empirischen Realität zusammengetreten sind. Die beiden angeblichen Gegensätze theoretisch weiterhin auseinanderzuhalten, wäre eine arbiträre Setzung, und der Referenzpunkt für diese Differenzierung wäre weiterhin die Frage, ob etwas von menschlichen Händen gemacht wurde oder nicht. Dieser anthropozentrische Zugang zur Realität hat seinen Wert verloren, als Cyborgs begonnen haben, die Welt mitzubevölkern. (- allerspätestens dann!)

OncoMouseTM

Eines von Haraways spezifischeren Beispielen ist die OncoMouseTM, eine Maus, die mit einem menschlichen Gen infiziert wurde, das Brustkrebs verursacht. Wenn dieses Tier, dieses Ding, betrachtet wird, ist es weder möglich noch sinnvoll, zu erörtern, wo das "natürliche" "Tier" endet, wo die "kulturelle" "Kreation" beginnt ... oder wie genau der "Mensch" durch das Gen mitmischt. Wie Haraway sagt, sind diese Mäuse sowohl "wir" Menschen und "nicht-wir" Menschen. Noch dazu nimmt der Anthropozentrismus hier Facetten an, die bereits ohne jede Diskussion über Roboterrechte von moralischer Konsequenz sind: Weil es sich bei diesen Tieren um nichtmenschliche Tiere handelt, werden sie als "wertlos" genug erachtet, um derart in ihr genetisches Material einzugreifen, dass ihnen bewusst Schaden zugefügt wird.

Acting Networks

Latour hat wesentliche Beiträge zu dem Forschungsfeld geleistet, indem er einen Weg mitentwickelt hat, der die Untersuchung der Rollen gestattet, die jene ehemals als "Objekte" bekannten Wesen in Handlungen spielen, welche von anthropozentrischer Philosophie für ihre "Subjekte" reserviert sind. Latour versteht Handlungen als kumulative Ereignisse, die von mehreren Elementen verursacht werden; als Resultat eines Netzwerks von handelnden Instanzen, die alle zu dem Ergebnis beisteuern. Um klarzustellen, dass die aktiven Teilnehmenden keine menschlichen Wesen sein müssen, hat er den Begriff der "AktantInnen" geprägt. Damit hat Latour simple Wahrheiten zugänglich gemacht, wie das Faktum, dass ein Pistolenschütze ohne die Pistole in seiner Hand nicht zum Schützen werden kann, und dass die Pistole kausal involviert ist, wenn jemand mit ihr erschossen wird. Er enthüllt allerdings auch komplexere Rollen, die von Quasiobjekten, wie er sie nennt, übernommen werden können; zum Beispiel von den berüchtigten Berliner-Schlüsseln, die dazu zwingen, mit ihnen hinter sich abzuschließen, bevor sie sich aus dem Schloss ziehen lassen: Diese Schlüssel handeln als Hüter bestimmten Verhaltens, sind Teil eines Acting Networks, das spezifische soziale Regeln etabliert.

Roboter sind auch nur Leute ...

Die folgende Situation ergibt sich also: "Kultur" und "Natur", "Mensch" und "Tier" wurden und werden in der Realität vermischt; "Subjekte" und "Objekte" wurden und werden als (mehr oder weniger) gleichrangige Mitmischende in den Phänomenen, die weitläufig Handlungen genannt werden, enthüllt. Zusätzlich sind Roboter am Vormarsch. Während Haraway ein bisschen über "künstliche Intelligenzen" geschrieben hat, haben sie und Latour ihre oben skizzierten Philosophien zu einem Zeitpunkt entworfen, zu dem die Entwicklungen in den Gefilden der Robotik derart tiefschürfend waren wie jetzt. Haraway hat meiner Meinung nach "affective computing" in gewisser Hinsicht antizipiert, als sie sich mit der Bedeutung von Affinität in den Beziehungen zwischen "companion species" auseinandergesetzt hat: Mit diesem Begriff will sie unter anderem kennzeichnen, dass der reine Begriff der "Spezies" zu enge Grenzen um ständig verwobene, im Austausch begriffene, einander miterzeugende Wesen zieht. Allerdings berief sie sich dabei vor allem auf Spezies im biologischen Sinne - Roboter und andere nichtorganische Wesen bleiben dabei außen vor. Ein Update steht daher aus, und die Frage bleibt aufrecht: Was soll philosophische Anthropologie mit ihrem "Menschen" anstellen, nun da essentielle Aspekte dessen, was es angeblich bedeutet, "menschlich zu sein", von Maschinen übernommen werden? Nun da Maschinen nicht nur so intelligent wie - oder sogar intelligenter als - Menschen werden, sondern auch über Emotionen verfügen? Besteht die Chance für eine Anthropologie, die umdenkt und aufhört, von "dem Menschen" - dieser fiktiven Kunstfigur, die philosophisches Verständnis gegenwärtig mehr als nur erschwert - zu sprechen?