Hotelwände (2017)

29.07.2017

Aus der Wand ein Tack ... Tack ... Tack ...

Ich glaube erst, mich verhört zu haben. Vielleicht kam das Geräusch vom Fernseher, der abkühlt, oder von dem Safe, der sich noch fester verschlossen hat, um meinem Laptop unzweifelhaften Schutz zu bieten, oder von der Dusche, deren Abfluss mit meinen Schamhaaren zu kämpfen hat. Aber nein, wieder dieses Tack ... Tack ... Tack ... direkt neben dem Bett, und es klingt nicht wie ein Abfluss. Es klingt auch nicht wie ein elektrisches Gerät, es klingt wie ...

Tack ... Tack ... Tack ...

Ich lehne meinen Kopf an den weißen Verputz. Wird schon kein Fleck entstehen und wenn doch, wen kümmert's, ist ein Dreisternehotel. Erst höre ich gar nichts, dann -

Die gehobene Stimme der Zimmernachbarin schimpft ihren Gatten und verleiht der Reue angesichts ihrer Heirat Ausdruck, ehe die Stimme des Gatten ihre zustimmend übertönt. Ich weiche erschrocken von der Wand zurück, überlege, ob ich die Rezeption informieren soll - immerhin werde ich bei dem Lärm nicht schlafen können -, aber die Stimmen entfernen sich bereits, eine Tür schlägt zu und es ist wieder still. Ich atme tief durch, genieße die neue Ruhe. Die unterbrochen wird von -

Tack ... Tack ... Tack ... Die Wand spricht zu mir, ich habe nur noch nicht verstanden, was sie sagt. Ein wilder Gedanke, ein dummer, ein nächtlicher, umnebelt von Müdigkeit und ausgelaugter Unruhe.

Wahr fühlt er sich trotzdem an.

Früher hatte ich Angst vor der Dunkelheit - lange, bis ich zwölf war oder dreizehn. Jetzt bin ich einer von diesen komischen Menschen, die sich nachts nur noch in ihren eigenen vier Wänden fürchten. Finsternis, Kratzen am Bettrand, Knarzen von Holzdielen, Tropfen von Wasserhähnen, Klopfen am Fenster irritieren mich nicht, wenn ich bei Freundinnen oder Freunden schlafe, wenn mir ein Techtelmechtel das Übernachten anbietet, wenn ich in Hotelzimmern einquartiert bin, wenn mir nach Homeparties der Heimweg zu anstrengend erscheint. In meiner eigenen Wohnung werden die nächtlichen Geräusche zu Warnungen, zu Boten des Untergangs, zum Atem und Lechzen der Dämonen, die sich nach meiner Gesellschaft, nach meinem Fleisch, nach meinem Leid sehnen. Meine Therapeutin weiß noch nicht, warum für mich das sogenannte Zuhause der einzige Ort ist, an dem diese Ängste mich heimsuchen - sie wollte, in Freud'schem Eifer, meine Mutter dafür verantwortlich machen, aber keine Erinnerung, die die Frau Doktor mir entlockte, gab Anlass dazu. Und wenn Freud scheitert, weiß man, dass etwas ganz und gar nicht stimmt.

Tack ... Tack ...

Ich lasse mich zurück ins Bett fallen und schlafe ein.


Die kleine Stadt, in die es mich verschlagen hat, lebt nicht von ihren fünfzehntausend Einwohnerinnen und Einwohnern, sondern von den chinesischen Touristinnen und Touristen. Einmal den Fluss überqueren und du findest dich wieder im Outlet-Paradies, im deutschen Hafen des Fabrikverkaufs, wo alles, was das Herz begehrt, und alles, wovon das Herz nie wusste, dass es ohne es nicht weiterpumpen kann, auf dein Portemonnaie und deine gierigen Finger wartet. Davon ahnte ich nichts, als ich hergereist bin, aber erste Hinweise gab es schon bei meiner Ankunft. Den Zug verließ ich umgeben von einer Traube gehetzter Familien, die mit unnachgiebiger Geschwindigkeit in einer Sprache kommunizierten, die ich nur als asiatische erkennen konnte. Im Hotel begegnete ich zum Großteil Gesichtern, die mein vom humanistischen Abendland trainierter - und daher stets latent rassistischer - Blick sofort im Osten verortete.

Ich verlasse mein Zimmer mit der gleichen Rastlosigkeit, mit der ich es in der Nacht betreten hatte. Meine Glieder schmerzen und mein Kopf dröhnt, als hätte ich keine Sekunde geschlafen. Tatsächlich hatte ich volle sieben Stunden gesunder Bewusstlosigkeit hinter mir, unterbrochen nur von einem verwirrten Augenblick (Tack ...), der genauso gut ein Traum gewesen sein mochte. Mein Antibiotikum und das andere Medikament liegen mir schwer im Magen, ich habe Hunger. Nach dem Frühstück wird die Welt anders aussehen.

Die Tür gegenüber meiner steht offen. Ein junges Gesicht erscheint in ihrem Rahmen, als ich meine schließe. So etwas wie Erinnerung blitzt in meinem Kopf auf, hinterlässt aber nur eine kleine verbrannte Synapsennarbe, nichts Greifbares, also täusche ich mich wohl; vielleicht sitzt der europäische Gemütlichkeitsrassismus auch nur noch erbärmlich tiefer in mir, als ich je befürchtet hatte, und verwechsle diese Touristin mit einer anderen. Die bildhübsche Frau trägt ein Halstuch mit einem Aufdruck, der mich die Marke erkennen und vermuten lässt, dass das Accessoire auf der anderen Seite des Flusses neuerdings erworben wurde. Ich lächle der Nachbarin zu. Ihre Augen, grau und glanzlos wie Steine, der einzige Makel in ihrem attraktiven Gesicht, starren in meine, aber sie lächelt nicht zurück. Irgendetwas hält mich trotzdem an Ort und Stelle.

"You enjoying your stay?", frage ich.

Sie antwortet erst gar nicht. Dann - ich habe mich keinen Zentimeter bewegt - in gerauntem Chinesisch. Ich erkläre ihr, dass ich ihre Sprache leider nicht beherrsche.

"Tack", sagt die hübsche Frau nach einer kurzen Pause, bevor sie ihren Kopf zurückzieht und die Tür schließt.


Das Frühstück, so der Plan, wird eine entspannte Affäre. Beim Betreten des Saals habe ich eine Nische ins Auge gefasst, in der ich ungestört sein kann, sofern sie frei bleibt, bis die Maschine endlich meinen Kaffee ausgespuckt hat. Ich könnte auch erst den Platz mit meinem Notizbuch und Agatha Christie besetzen, bevor ich auf meinen Kaffee warte, aber dafür bin ich zu ungeduldig und zu süchtig nach dem dunklen Gut, das sich in frecher Lockung bereits durch seinen Duft ankündigt, obwohl noch kein Tropfen der Plörre ihr silbernes Versteck verlassen hat. Und zu irritiert von meiner Zimmernachbarin bin ich auch: Logisches Denken, ohnehin nicht mein Forte, kommt mir in Situationen wie diesen restlos abhanden.

Als ob es viele Situationen wie diese gäbe.

Als ob es sich bei dieser Sache um eine sonst wie geartete Situation handelte.

Die Wände sind alt und machen Geräusche. Und selbstverständlich die gleichen Geräusche in jedem Raum. Vor allem am selben Flur. Natürlich. Tack, das ist die Sprache des zweiten Stocks, so wie Chinesisch die Sprache dieser Stadt. Deutsch, meine ich. Und Chinesisch die Sprache ihrer Bewohnerinneren und Bewohner. Besucherinnen und Besucher. Tack, Deutsch, Chinesisch. Nichts Bemerkenswertes daran zu erkennen.

Tick!

Ich zucke weg, reiße mich zusammen, als ich erkenne, dass das nur die Kaffeemaschine war, die sich mit ihrer eigenen Sprache einmischt, und gehorche dankbar dem darauffolgenden Piep! Mit der Tasse begebe ich mich zu dem Tisch in der Nische, der freigeblieben ist. Nachdem ich mir eiligst die Zunge am Kaffee verbrüht habe, lasse ich mir von Agatha Christie erzählen, warum das späte zwanzigste Jahrhundert Gefahr lief, die größten Fehler des früheren zwanzigsten Jahrhunderts zu wiederholen. Die Argumente klingen bei weitem nicht so fiktional wie der Kontext, in dem sie dargeboten werden, und erlauben für meinen Geschmack zu einfachen Vergleich mit der Zeit, in der ich lebe. Mir wird kalt beim Lesen, und ich höre auf.

Ich will etwas schreiben, nicht nur, weil mich das Essen langweilt, aber vor allem deshalb. Was ich beginne, klingt wie ein Tagebucheintrag, was mich noch mehr langweilt. Ich formuliere den Anfang eines Briefs, den ich niemals abschicken werde, erinnere mich, dass ich ihn niemals abschicken werde, und höre auf. Ich überlege kurz, setze den Stift an, bevor ich mit dem Überlegen fertig bin, und schreibe: TACK.

Tack goes the weasel, denke ich, und ein Schauer läuft mir den Rücken hinab, dem Agatha Christies stets zeitgemäßer Pessimismus nicht das Wasser reichen kann.

"Sie haben gestern die Harfe gemacht, richtig?"

Ich blicke von meinen unbrauchbaren Notizen auf. Etwas an meiner Miene erschreckt die Hotelangestellte - ihr eben noch freundliches Lächeln friert ein, und verwirrt zieht sie den Oberkörper nach hinten, als verspüre sie den plötzlichen Drang, sich von mir zu entfernen.

"Ja", antworte ich.

Sie zwingt das Lächeln zurück, nickt. Eigentlich wollte sie mich für meine Darbietung loben, mir für die weite Anreise danken, das sehe ich klar. Aber meine Art erscheint ihr wohl zu unnahbar. Sie nimmt den Blick nicht von mir, während sie sich langsam zu entfernen beginnt. Als müsste sie mich beobachten. Als würde ich zur Gefahr, sollte sie mir den Rücken zukehren.


Ich habe Zeit, bevor ich auschecken muss, und ich will die Stadt erkunden. Kurz ziehe ich es in Erwägung, den Fluss zu überqueren, aber mir ist nicht nach Shoppen zumute. Und das Rauschen jagt mir Angst ein. Angst? Blödsinn. Warum?

Ich stehe zögerlich an dem Brückengeländer, obwohl ich ja bereits entscheiden habe, die Brücke nicht betreten zu wollen. Das Wasser sieht schmutzig aus, steingrau, die Strömung wie eine, die dich in falscher Sicherheit wiegt, bevor du in ihr ertrinkst. Wilde Hecken schmücken das Ufer, auf einer Plattform inmitten des dornigen Braungrüns thront ein leerer Mülleimer, von dem mir nicht klar ist, was er dort verloren hat.

Ich bemerke, dass die Sonne höhergewandert ist, seit ich mich hier platziert habe, schüttle eine Trance von mir, von der ich erst da bemerke, dass sie mich überkommen hat, und sehe den Mann, der neben mir steht.

"Eine krasse Sache, wie diese Lulatsche hier ihre Schuhe herzeigen", sagt er ohne mir erkennbaren Zusammenhang, aber mit derart eindringlichem Blick, als führten wir seit Minuten ein verschwörerisches Gespräch unter vier Augen. Er steht so nah bei mir, dass mir übel wird. Erst nach einigen schweigsamen Sekunden begreife ich, dass das an seinem Atem liegt. Modrig.

"Wie bitte?" Mir fällt nichts Besseres ein.

"Die Schinzen, die Schinzen!", beteuert der Mann. Er hat wenige Haare auf dem Kopf, einen grauen Kranz um runzelige Haut, die eine Ledermaske hätte sein können.

"Die ..."

"Die Schinzen - kommen hierher mit ihren - mit Hüten und Trom- mit Paukenschlag und dann!" Er japst, er schnappt alle paar Wörter nach Luft, das Reden fällt ihm schwer. Seine Augen werden groß, treten so weit hervor, dass das Rot um das Weiß viel zu sichtbar wird für meinen Geschmack; er ist recht aufgeregt, sprechen zu dürfen, erpicht darauf, mir seine Weisheit mitzuteilen. Ich trete einen Schritt zurück und betrachte seine Kleidung. Eigentlich ganz normal. Er gestikuliert, wie nur Betrunkene gestikulieren, aber er riecht nicht nach Alkohol, nur nach Moder. "Kaufen, kaufen, kaufen - und wollen, sie wollen, ich ... ich weiß es nicht!" Empört, als hätte ich ihn zur Antwort auf eine Frage gezwungen. "Ich nicht! Schön sind ja ihre Frauen, ja, mag sein, aber kein Grund, kein Grund - sich das leisten, das leisten, bis hierher, neue Welt, neue Welten - ihre Welt habe ich nie gesehen, würde ich gern, würde jeder gern, weit weg, ganz weit, und schöne Frauen, und diese, diese - ihre Schuhe, man stelle sich vor, in anderen Schuhen, endlich! In anderen - sehen Sie, sehen Sie! Sehen Sie, dort -" Er zeigt auf das andere Ende der Brücke. "Dort mit ihren Hüten, mit ihren Autos und ihrem Tack, dort, wenn erstmal die Bahn hier gelandet ist ..."

Er verliert sich in mehr Nonsens, aber ich höre ihm schon nicht mehr zu. Mein Mund steht offen, das merke ich, aber ich schließe ihn nicht. Tack.

"... und weil sie ja nicht wissen können -"

"Ach weh." Der leidigen Stimme folgt eine Dame in Weiß, nicht viel jünger als meine neue Bekanntschaft, aber adretter gekleidet, nach zu viel Lavendelparfum duftend und mit weitaus weniger wirrer Aura. Sie umfasst den Mann an den Schultern, sie kennt ihn, er kennt sie vielleicht auch, man weiß es nicht so genau, aber immerhin beruhigt er sich. "Freundchen, wie bist du uns wieder entkommen ... Verzeihen Sie." Sie schenkt mir einen Blick, der zeigt, dass sie es meint, und macht vorsichtige Schritte, denen der Mann noch vorsichtiger Folge leistet. Er wirft mir ein letztes panisches Blinzeln zu, bevor er sich zurück zu dem Heim führen lässt, das von der anderen Straßenseite aus den Fluss überwacht.


Wäre ich nicht nur eine Nacht hier, ich würde dem vielleicht nachgehen. Ich würde vielleicht dem kranken Mann im Heim einen Besuch abstatten und versuchen, ihm mehr Information zu entlocken über das Tack der Schinzen. Ich würde vielleicht die Serviererin vom Frühstücksbuffet fragen, was sie an meinem Erscheinungsbild so entsetzt hat. Ich würde vielleicht herausfinden, wer im Zimmer gegenüber meinem gehaust hat, würde den Keller und den Dachboden des Hotels nach Hinweisen durchstöbern, würde gegen die Wände klopfen und auf Antwort hoffen - oder darauf, dass sie ausbleibt. Würde ein Abenteuer erleben, wie es sie nur in Filmen und Büchern gibt, und hätte eine Geschichte zu erzählen, die mir keiner glaubt, und wäre der Antiheld, der zu werden so vieler Mitglieder meiner Generation träumen, der zu sein manche von ihnen glauben.

Wahrscheinlicher ist, dass nichts passieren würde, dass der alte verwirrte Mann ein alter verwirrter Mann ist, ich wegen Agatha Christies überzeugender Prosa kalkweiß im Gesicht war, ich recht habe in meiner Vermutung, dass alte Wände nun mal Tack machen und meine Gegenübernachbarin die Kommunikationsschwierigkeiten mittels geteilter Erfahrung überbrücken wollte. Ich würde meine Zeit verschwenden, ich müsste Strafe zahlen, weil ich mich in Kellern und Dachböden und Heimen bewegen würde, in denen ich nichts zu suchen habe, und ich käme ein wenig verspätet nach Hause zurück, dorthin, wo ich mich vor der Dunkelheit fürchte, obwohl es gar kein Tack - obwohl es gar keinen Grund gibt.

Ich packe meine Koffer und nehme mit: Das Wenige, das ich mitgebracht habe. Nichts Neues, weil ich nicht einkaufen war. Die Harfe gestern war nicht meine, die zu transportieren wäre zu umständlich gewesen. Meine wartet auf mich in meiner Wohnung.

Ich nehme den Laptop aus dem Safe und will ihn wieder schließen. Vorher bemerke ich das Loch auf der Innenseite.

Ein Loch im Safe, das ist nicht gut. Davon muss ich der Rezeption berichten. Auch wenn es klein ist und nicht aussieht, als wäre es durch absichtsvolle Menschenhand entstanden, oder gerade deshalb vielleicht, denn das könnten Ratten gewesen sein, Ratten können durch Stahl beißen, habe ich gelesen, und Ratten sind für ein Hotel wohl genauso schlimm wie Einbrecher. Bevor ich mich an die Rezeption wende, sollte ich es mir wohl genauer ansehen, nur um sicherzugehen, dass es wirklich ein Loch ist, das da nicht hingehört. Vielleicht ist es ja Teil der Konstruktion und führt nur bis an eine zweite Stahlwand, an eine Außenwand, vielleicht erfüllt es irgendeine Funktion, eine mir unbekannte Art der Belüftung, damit nichts im Safe kaputtgehen kann, was weiß ich schon von Safes. Deswegen muss ich es ansehen, genau, nicht, weil ich Tack ... Tack ... Tack ... höre, seit ich den Safe geöffnet habe.

Ich strecke den Kopf in den Safe. Es ist dunkel, natürlich ist es das, und ich kann nichts sehen, natürlich nicht. Aber ich sehe das Loch immer noch, und ich sehe etwas dahinter.

Grau wie ein Stein ist das Auge der jungen Frau vom Zimmer gegenüber, aber nicht mehr glanzlos. Es scheint mir zuzuzwinkern. Ich verharre im Safe.

"Tack?" Den fragenden Ton bilde ich mir vielleicht nur ein.

"Tack", antworte ich dennoch.

"Deine Musik hat uns gut gefallen", säuselt die junge Frau durch die Wand. Ihre Stimme erfüllt den Safe. Ich verstehe sie, sie spricht jetzt nicht mehr Chinesisch, sie spricht jetzt meine Sprache, spricht jetzt ...

"Tack."

"Meiner Schwester auch. Meine Schwester hat schönere Augen."

"Braune", hauche ich.

"Sie ist hier bei mir."

"Ich muss abreisen ..."

"Wozu?"

"Ich muss ..."

"Was wartet auf dich? Die Wohnung, die du nur gewählt hast, weil du sie dir leisten kannst. Die leere Wohnung, in der du Angst hast vor dem Kratzen am Bett und dem Klopfen am Fenster. Das sind wir nicht. Wir sind Tack. Was wartet auf dich außer deiner Harfe, die nicht so schön ist wie die Harfe hier, und deinem Kühlschrank, den du so selten anfüllst, nicht wie hier, wo dir serviert wird, wo du den Tisch nicht decken und das Geschirr nicht säubern musst? Was wartet auf dich außer dem Grab deines Katers, dem schlechten Gesang deiner Chorleiterin, den Pflanzen, die dir alle sterben, obwohl du dir solche Mühe gibst? Außer der einen oder anderen Affäre, die dich loswerden will, und der einen oder anderen Affäre, die du loswerden willst, und den Verflossenen, die dich hassen, und dem Fernseher, der nicht funktioniert, und dem Manuskript, das du nie vervollständigen wirst, weil du weißt, dass du nicht schreiben kannst? Was wartet auf dich außer der Therapeutin, die dir nicht helfen kann, und dem Büro, in dem du nicht musizieren darfst, und den Menschen, die du öfter vermisst als sie dich, und den Gedanken, die dich nicht ruhen lassen, die dich sogar hierher verfolgt haben, dich heimgesucht haben, bis wir kamen, bis Tack kam? Was wartet auf dich außer Angst in der Nacht und Angst am Tag und Sehnsucht nach gestern und Hoffnung auf morgen und das Morgen, das alle Hoffnungen zerschlägt? Zwischen den Wänden sind nur Löcher, ungeschickt, zweckloserweise, halbherzig und immerzu kurzfristig angefüllte, angestaute Leere - hier ist es solide. Tack ist konstant. Die Bühnen da draußen nützen dir nichts, die, die dir etwas nützen, siehst du nur von der falschen Seite, und zuhause hast du keine Bühne. Hier entkommt dir das Publikum nicht. Bringe Takt in unser Tack, bringe uns zum Tanzen, wie wir gestern getanzt haben. Tack, junger Freund, junger Geliebter, junges Talent, junges Unglück. Tack ... Tack ..."


Der Mülleimer ist nicht leer, stelle ich überrascht fest, und die Hecken um einiges weniger dicht, als sie von oben den Anschein gemacht haben. Ich erbreche Schlamm über die Glasflaschen im Mülleimer, ignoriere die panischen Schreie und frage mich, ob Tack.


Über diese Geschichte

Reisen stellt Sie infrage, vor allem, wenn Sie es selten tun. Erst unterwegs beginnen Sie, zu begreifen, wie verortet Ihr Leben, Ihre Person ist. Sie sind vieles, aber unter anderem sind Sie auch die Gegend, in der Sie sich üblicherweise bewegen. Die Gegend, im Gegenzug, ist unter anderem Sie. Anderswo sind Sie nicht, und anderswo ist nicht Sie, und Sie werden feststellen, dass sich mit der Umgebung - wenn Sie sich darauf einlassen - auch Ihre Gedankenwelt verändern wird.

Ich liebe Hotels. Billige, teure, große, kleine. Es gefällt mir, dass es Häuser gibt, deren Funktion darin besteht, vorübergehend das Zuhause verschiedenster Menschen zu sein, von denen die meisten einander nicht kennen und vermutlich nicht kennenlernen werden. Wie stationäre Züge: Verortete Nonorte, nur dass - während Züge sich durch ihre eigene Bewegung ihrer eigentlichen Verortung entledigen - Hotels sich dem Topos entziehen, indem sie die Critters, die sie bei sich wohnen lassen, als unverortet, als kurzfristig entwurzelt begreifen. Und das zurecht. Zuhause im Nichtzuhause, nichtzuhause im Kurzzeitzuhause.

In Zügen und Hotels schreibe ich - vielleicht deshalb - besonders gerne und besonders viel. Es fällt mir an diesen (Non-)Orten nicht unbedingt leichter, aber es erhält einen eigentümlichen Fluss, den mein Organismus anderswo nicht zustande bringt. Meine erste Lesung außerhalb Österreichs ging mit Stunden des Zugfahrens und einer Nacht im Hotel einher, und da die Reise schriftstellerisch motiviert war, gab die ganze Angelegenheit meiner Kreativität und meiner Produktivität einen Extrapush.

Eines der Ergebnisse dieser Reise kann ich jetzt schon präsentieren. Die Kurzgeschichte "Hotelwände" spielt in einem Hotel in einer kleinen deutschen Stadt, die - das ist wohl kaum der Erwähnung wert - in Ansätzen der Stadt nachempfunden ist, in der ich in der Nacht vom achtundzwanzigsten auf den neunundzwanzigsten Juli 2017 gelesen und übernachtet habe. Wie jede andere Geschichte auch ist diese zu einem unmessbaren Prozentsatz autobiografisch inspiriert, aber wie im Falle jeder anderen Geschichte auch hat das nichts zu bedeuten, sagt sie nichts, oder nur sehr Uneindeutiges, über mich und meine reellen Erfahrungen aus, und ist sie - selbst dort, wo sie tatsächlich etwas beschreibt, das ich direkt erlebt habe - in etwa so nahe an einem wirklichkeitsgetreuen Reisebericht wie ein Foto einer von mir bemalten Zutatenliste auf einer Limonadenflasche, die ich auf der Reise erstanden habe. Prinzipiell ist es überflüssig, das dazu zu sagen: Schnell ist beim Lesen ersichtlich, dass es sich um eine Horrorgeschichte handelt, erfüllt von fantastischen Elementen, die sich so in der Wirklichkeit nicht hätten zutragen können. Aber weil die Geschichte - wie die meisten, die ich schreibe - ein mehr oder weniger tragisches Ende findet, möchte ich betonen, was viele Lesende meiner Erfahrung nach nie gelernt, nie verstanden oder schlichtweg seit ihrer Schulzeit wieder vergessen haben: Fiktives Ego (oder "lyrisches Ich") ist nicht gleich der Verfasserin oder dem Verfasser. Im Falle des (wenn Sie mich fragen: unsympathischen) jungen Menschen in diesem Text sage ich: Tack sei Dank.