It's All About Sex (2016)

17.06.2017

Die Kandidatinnen stellen sich vor. Die jüngste ist fünfzehn. Ihr Name ist Sophia, ihre größte Leidenschaft gilt Tieren. Ob sie damit auch Homo sapiens meint, will ich fragen. Ob sie ein eigenes Haustier hat, frage ich stattdessen, und lächle aufmunternd.

Es ist ein Auftritt, und ich werde dafür bezahlt. Ein Auftritt, weiter nichts. Ich würde mir nur wünschen, die Leute wüssten das. Aber woher sollten sie es wissen? Ich spiele meine Rolle zu gut.

Nachdem sie für uns mit Keulen jongliert hat - was tatsächlich recht unterhaltsam gewesen ist -, verlässt sie die Bühne. Martina, einundzwanzig, betritt sie stattdessen. Einundzwanzig. Sophia tut mir leid, ihre Eltern verachte ich. Martina aber ist alt genug, um eine Ahnung davon zu haben, was sie da tut; Martina hat sich für diese Sache entschieden.

Wobei, vielleicht spielt sie auch eine Rolle. Sie zeigt in die Menge auf ihren muskulösen, sonnengebräunten Freund, der - so etwas erkenne ich - sich für wichtig hält, weil er in der Schule Kapitän des Fußballteams gewesen ist. Vielleicht prügelt er sie zu überschminkbarem Brei, bis sie sich zur Teilnahme an solchen Shows bereiterklärt. Etwas in mir hofft das sogar - für Martina.

Der wirkliche Star des Abends is taking the stage: Christina, das schönste Mädchen der Stadt. Das wissen wir jetzt schon. Natürlich tun wir das. Dieser Wettbewerb ist vorbei gewesen, als die Fotos eingetroffen sind. Bevor sie eingetroffen sind, um genau zu sein.

Christina hilft ehrenamtlich im Altersheim und ihre Lieblingsfarbe ist lapislazuliblau, was immer das auch sein soll. Alle klatschen, sie strahlt, und sogar ich will mit ihr schlafen. Gott, will ich verdammt nochmal mit ihr schlafen. Sogar ihre Vagina ist vermutlich schöner als jede andere, sofern ein Geschlechtsteil schön sein kann. Die Ästhetik der Fortpflanzungsorgane - das Buch sollte ich schreiben. Und ein Kapitel Christina widmen.

Ich schiele hinüber zu meinem Kollegen. Richard wirkt unbeeindruckt, obwohl er auch für Christina gestimmt hat - stimmen wird, meine ich selbstverständlich. Sein Desinteresse überrascht mich nicht. Sein Typ ist Christina nicht gerade; er würde wohl lieber mit Sophia ins Bett steigen. Oder mit Sophias kleiner Schwester, die hinter ihm sitzt. Sie hat nur Augen für Sophia, scheint gar nicht bemerkt zu haben, dass das Scheinwerferlicht jetzt auf ein anderes Mädchen gerichtet ist. Ihre Miene quillt über vor Stolz. Ich empfinde den plötzlichen Drang, mich zu übergeben. Ich schlucke die faule Note hinunter, setze mein begeistertstes, charmantestes Grinsen auf, und applaudiere mit den anderen, während der Moderator Christinas Schreiten zu den restlichen Kandidatinnen kommentiert. Der alte Sack starrt der Siegerin in spe so offensichtlich auf den Arsch, dass das Aroma von Unverdautem mir wiederum in Mund und Nase steigt.

Ich lebe seit vier Jahren in dieser kleinen Stadt. Ich bin hergezogen, um dem Verkehrslärm, den Massen seelenloser Menschen und - vor allem - den Kameras zu entfliehen. Mit Motorengeräuschen und fetten Körpern, die mich mit zu Boden gerichtetem, starrem Blick anrempeln, wäre ich vielleicht bis an mein Lebensende zurechtgekommen. Aber als die Paparazzi nach meinem zweiten Beststeller und meiner kurzen, aber ereignisreichen Affäre mit der national angesagtesten Jungschauspielerin des Jahrzehntes auf mich aufmerksam geworden sind, habe ich es in Wien nicht mehr ausgehalten.

Was ich vor meinem Umzug in die Idylle nicht gewusst habe, ist, wie sehr sich diese dorfartige Ansammlung von Bauern und solchen, die es werden würden, wünscht, Wien zu sein. Vom Regen in die Traufe, wie meine Großmutter zu sagen gepflegt hat.

Als die Bürgermeisterin erfahren hat, wer jetzt auf dem ehemaligen Reiterhof im Norden der Stadt wohnt, hat sie sofort gehandelt. Und da ich trotz meiner erfolgreichen Bücher knapp bei Kasse gewesen bin - Management is a bitch -, habe ich ihre höfliche, als Einladung getarnte Aufforderung, bei Galas, Wettbewerben und Fernsehshows aller Art aufzutreten, akzeptiert; im Gegenzug ist meine Miete auf ein Minimum reduziert worden, und ich erhalte für jedes öffentliche Erscheinen, das mit der Stadt zu tun hat (oder bei dem ich auch nur die Stadt erwähne), eine Entschädigung, die den Lohn für hundert verkaufte Bücher übertrifft.

Deswegen sitze ich hier, den kalten Blick der Bürgermeisterin im Nacken, und freue mich sichtlich über den Anblick so vieler schöner junger Frauen, die ihre Zeit verschwenden - zusammen mit jedem möglicherweise vorhandenen echten Talent, das sie stattdessen fördern könnten. Ich weiß, wenn ich mich umdrehe, würde ich dem mehr oder weniger überzeugenden falschen Lächeln Cecilia Knapps begegnen. Ohne es überprüfen zu müssen, ist mir klar, dass sie immer noch steht, wo sie mich zu Beginn des Events begrüßt hat, beim Eingang in den Festsaal. Von dort aus kann sie den perfekten Überblick behalten über diesen weiteren Schritt zur Etablierung Halsdorfs als Weltstadt.

Als ob.

"Ich bitte um einen erneuten kräftigen Applaus für alle unsere wunderschönen Kandidatinnen!"

Die Masse folgt gehorsam der Anweisung des Moderators. Die Schulband startet die extra für den Wettbewerb entworfene Neufassung der Stadthymne. Da posaunen die Trompeten, trompeten die Posaunen; da krächzt die E-Gitarre, die eines der Güter ist, die Knapp um das von mir für die Stadt eingebrachte Geld erworben hat. Hohe Stimmen von Mädchen, die nicht schön genug sind, um selbst am Wettbewerb teilzunehmen, konkurrieren mit den brüchigen Stimmen der Jungen darum, welche meinen Ohren mehr Pein würden zufügen können. Ich bemühe mich, mein aufgesetztes Lächeln nicht zu verlieren, als ich brav wie alle anderen dem Chor bei seiner hoffnungslosen Suche nach den richtigen Tönen zuhöre. Wahrscheinlich wünschen sich die pickeligen Sängerknaben alle genauso sehr wie ich, sie wären für ein paar Stunden mit Christina in ein Schlafzimmer eingesperrt. Die Vorstellung, etwas mit diesen Kindern gemeinsam zu haben, irritiert mich mehr, als sie sollte. Die können ja gar nichts dafür. Wer weiß, vielleicht werden ein paar von ihnen die Backstreet Boys von morgen, wenn sie die Pubertät erst einmal hinter sich gebracht haben.

Als ein Schlagzeugsolo einsetzt, von dem ich nicht gewusst habe, dass es kommen würde, wird mir schwindelig. Ich glaube nicht, dass die beiden Ereignisse in einem bedeutsamen Zusammenhang stehen, aber ihre Simultanität hinterlässt bei mir einen bleibenden Eindruck. Impulsiv und unrhythmisch, wie der junge Mann auf die Trommeln einschlägt, ist auch das Gefühl, das von meinem Kopf Besitz ergreift. Ich habe zu wenig geschlafen in den letzten Nächten. Sorgen um mein neues Buch - das dritte nach zwei verworfenen Ansätzen - haben sich mit Plänen für ein baldiges Verlassen der Stadt - davon habe ich schon viele geschmiedet in den letzten Jahren - und, nicht zuletzt, waschechten Schuldgefühlen angesichts meiner Teilnahme an diesem Zirkus hier vermischt, um mich von jeder vollen Stunde Schlaf abzuhalten. Wobei eine Nacht ohne mehrfachem Erwachen überhaupt schon lange zurückzuliegen scheint - ich glaube, ich kann mich an gar keine erinnern.

Es überrascht mich daher kaum, als sich zu meinem Schwund eine Müdigkeit hinzugesellt, die mich an Ort und Stelle zu übermannen droht. Ich erlaube mir, für einige Sekunden die Augen zu schließen - aber nicht, ohne mich vorher umzusehen und erleichtert festzustellen, dass ich damit nicht auffallen würde: Viele im Raum scheinen es vorzuziehen, der Musik blind zu lauschen, um die akustische Wirkung zu verstärken. Das letzte, das ich sehe, ist das verträumte, feierliche Grinsen auf den Lippen des Schulleiters, das den Eindruck erweckt, der Mann sei unendlich stolz auf sich und alles, was er erreicht hat. Bei dem Gedanken wird mir wieder übel.

Dann sind meine Augen zu.


Ich muss eingedöst sein, denn an den Rest des Abends kann ich mich nur in kurzen, ausgewählten Momentaufnahmen erinnern. Als wäre ich nicht dabei gewesen, sondern hätte einen schlecht geschnittenen Film mit sehr abgehackten, hektisch umherspringenden Szenen gesehen. Natürlich habe ich nicht wirklich geschlafen. Natürlich habe ich die feierliche Krönung Christinas miterlebt, für sie geklatscht, ihr die Hand zur Gratulation gereicht. Und natürlich hat sich, trotz aller Müdigkeit, trotz aller Abscheu für mich selbst und die Situation, in die ich mich gebracht habe, in meiner Hose etwas geregt, als sie meine Hand zur Seite geschoben und mich in ihre Arme geschlossen, ihre Brüste gegen mich gepresst hat. Und natürlich habe ich eine gute Ausrede erfunden, um dem anschließenden Besaufen mit dem Rest der Jury und den Veranstalterinnen und Veranstaltern zu entkommen - auch wenn ich keine Ahnung mehr habe, welche Ausrede das gewesen ist. Wahrscheinlich irgendetwas wegen meines neuen Buches.

So, wie es mir an diesem kalten Morgen geht, hätte ich mich aber genauso gut dem Alkohol hingeben können. Technisch gesehen bin ich nicht verkatert, merke aber, for what it's worth, nicht den geringsten Unterschied zu dem Zustand nach einer durchzechten Nacht, als ich mich vom Bett ins Badezimmer, von dort ins Wohnzimmer schleppe. Diese Stadt tut mir nicht gut. Ich glaube, irgendwo gelesen zu haben, dass so manche Autorinnen und Autoren einen Ort kennen, der für sie durch und durch schlecht ist, gar Böses verheißt, auch wenn es vielleicht keinen ersichtlichen, vernünftigen Grund gibt. Stephen King hat sein Dallas. Ich habe Halsdorf.

Ich falle mehr auf die Couch als mich hinzusetzen. Wenn ich tatsächlich die Buchausrede benutzt habe letzte Nacht, dann habe ich eigentlich gar nicht unbedingt gelogen - ich habe wirklich vorgehabt, heute einiges voranzubringen. Aber so, wie es mir geht, muss ich annehmen, dass das leere Dokument, das ich jetzt öffnen könnte, auch am Abend ein leeres Dokument sein würde.

Ich nehme einen Schluck von dem Orangensaft, den ich auf dem Weg aus der Dusche hier her wie automatisch eingeschenkt habe - er und die Zigarette, die ich in Kürze rauchen werde, sind seit vielen Jahren mein tägliches Morgenbrot. Ich schalte den Fernseher ein. Halsdorf hat einen lokalen TV-Sender. Das finde ich nicht nur überflüssig, sondern peinlich - das aber nur deshalb, weil die Stadt sich die Sache ausschließlich aufgrund des Geldes leisten kann, das ich ihnen durch meine bloße Existenz und meinen Einwohnerstatus verschaffe. Die morgendlichen Nachrichten beginnen um fünf Uhr dreißig und enden um zehn. Irgendwie schafft die Redaktion es tatsächlich, täglich fast die gesamte Laufzeit mit Neuigkeiten zu füllen, die einen Bezug zu Halsdorf aufweisen. Das ist beinahe faszinierend genug, um mich vergessen zu lassen, wie erbärmlich das Ganze ist.

Das Berichten übernehmen morgens zwei Gesichter, die wie ich ansatzweise über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind: Zum einen das der hübschen blonden Frau namens Amelie, mit deren Teilnahme an der Wahl zur Miss Halsdorf ich eigentlich fix gerechnet hätte; scheinbar ist aber wenigstens eine attraktive Frau der Stadt zu klug, um sich dazu herabzulassen. Zum anderen sitzt vor der Kamera niemand anderes als Gernot Welk, der die Moderation beim Wettbewerb übernommen hat. Mir fällt heute zum ersten Mal auf, dass Welk die stundenlange Nähe von Amelie - und Amelies Brüsten - nicht ausnutzt, um sie so lüstern zu betrachten wie die jungen Dinger am Vorabend. Das erstaunt mich. Es reicht aber nicht aus, um mich von der noch viel erstaunlicheren ersten Nachricht des Tages abzulenken - ich bin Frühaufsteher und, so sehr ich seit meinem Umzug auch versuche, dagegen anzukämpfen, Frühstücksfernseher. Dementsprechend schalte ich üblicherweise ein, noch bevor mich Amelie und Welk um halbsechs zu den Halsdorfweiten Geschehnissen topinformieren. Meistens weiß ich im Vorhinein, was heute auf ihren Zetteln steht - nicht zuletzt, weil viele der spannenden Schlagzeilen mich betreffen.

Aber diesmal ist das anders. Das Thema des Tages - und ich weiß jetzt schon, dass es das überall in der Stadt sein wird - lässt mich erstarren, die Kaffeetasse auf halbem Weg zum Mund.

"Voller Trauer und Fassungslosigkeit müssen wir Ihnen mitteilen, dass unsere Miss Halsdorf, Christina Laitsch, vor wenigen Stunden tot im Magnatenpark gefunden wurde." Amelies monotone Stimme, die in mir immer wieder die halbinteressante Frage weckt, wie sie zu ihrem Job gekommen ist, klingt alles andere als traurig und fassungslos. Welk neben ihr hingegen hat Tränen in den Augen; wahrscheinlich hätte er den Satz lesen sollen, fühlt sich aber nicht dazu imstande. So widerlich lüstern der alte Volltrottel sich benimmt, so sentimental reagiert er auf alles, was seiner Emotionalität eine Bühne bieten kann. Ich höre schon, wie er heute Abend im Gasthof zum Wilden Pfau schluchzend erklärt, dass er kein Wort über die Lippen gebracht hat, sich dafür entschuldigt, dass er es nicht einmal geschafft hat, Christinas Namen auszusprechen.

Bleib' bei der Sache, denke ich, und drücke den Ton lauter.

"Ersten Berichten entnehmen wir, dass es sich augenscheinlich um ein Gewaltverbrechen handelt. Die Entdeckerin der Leiche - sie möchte ungenannt bleiben - berichtet uns von einer offenen Wunde am Kopf, die, wir zitieren, 'auf einen kräftigen Schlag mit einem schweren Gegenstand' hinweist. Wie uns der Beamte Ludwig Kerol in einem Interview, das wir Ihnen in wenigen Augenblicken zeigen werden, erzählt, folgt die Polizei mehreren Spuren; Abteilungsinspektor Warzach hat sich noch nicht bereiterklärt, ein Statement abzugeben. Alles, was wir tun können, bis der Täter gefunden ist, ist, Christina als die Frau in Erinnerung zu behalten, die offiziell zur schönsten Bewohnerin unseres Dorfes ernannt wurde ..." Ein plötzliches Schmunzeln umspielt ihre Lippen, so kurz und unauffällig, dass man gar nicht sicher sein kann, ob es da gewesen ist. Und ein Teil von mir weiß, was jetzt kommt - und dass der nächste Satz nicht auf ihrem Zettel steht. "Und nicht etwa als die schönste Leiche."

Welks verstohlener Blick zu ihr - ebenso kurz und beinahe übersehbar wie ihr Lächeln - bestärkt mich in dem Verdacht, dass Amelie hier einer spontanen Eingebung gefolgt ist. Ich frage mich, ob das Konsequenzen für sie haben wird. Dann frage ich mich, was zur Hölle mit mir los ist, und wieso ich mich nicht auf das Wichtige an dieser ganzen Geschichte konzentrieren kann.

Christina ist tot. Mehr noch, wahrscheinlich ermordet. Wenn man der Entdeckerin der Leiche glauben kann. Schlag mit einem schweren Gegenstand.

Ich sehe Christina vor mir, blutüberströmt, im frischgemähten Gras des Magnatenparks liegend, unter einer der vielen hohen Eichen, immer noch in dem Kleid, mit dem sie den Wettbewerb gewonnen hat. Sie lebt noch in diesem Bild, das ich vor mir habe, aber nur gerade so. Ich sehe sie röcheln, ich sehe, wie sich ihre perfekten Brüste mühselig und unregelmäßig heben und senken, wie sich ihre zarten Hände verkrampfen. Ich habe keine Ahnung, ob das Opfer eines Schlags auf den Kopf auf solche Weise stirbt - ich habe nie viel von Krimis gehalten, und vom Tod habe ich keine Ahnung -, aber so stelle ich es mir eben vor. Krampfhaft. Langsam. Blutig.

Warum stelle ich mir überhaupt ihr Sterben vor?

Ich schüttle meinen Kopf wild hin und her, um die Gedanken zu vertreiben. Wieder der Geschmack von Erbrochenem in meinem Mund. Nur diesmal - tatsächlich der Geschmack.

Ich stürze zum Badezimmer, erreiche gerade noch rechtzeitig die Toilette. So intensiv habe ich mich schon lange nicht mehr übergeben. Wieder schießt mir das Bild der sterbenden Christina in den Kopf, nur ist sie diesmal nackt. Das erzeugt einen erneuten Schwall Mageninhalts. Eigentlich sollte da gar nichts mehr übrig sein. Ich erinnere mich nicht genau, wann ich zuletzt gegessen habe. Das sollte ich vielleicht wieder einmal tun.

Der Gedanke ist so unangebracht, so pervers in der gegenwärtigen Situation, dass ich ihn fast schon wieder amüsant finde.

Weshalb ich mich erneut übergebe.


Die Trauerfeier findet in dem Festsaal statt, in dem die frisch Verstorbene am Vortag zur Schönheitskönigin ernannt worden ist. Natürlich ist es noch nicht die echte Trauerfeier - ein Begräbnis steht aus, solange die Autopsie nicht abgeschlossen ist. Und wann das soweit sein wird, ist völlig unklar. Die Polizei - so viel ist durchgesickert und hat sich im Dorf verbreitet wie eine Grippewelle - hat noch keine Ahnung, wer die Tat begangen hat. Wer überhaupt unter Verdacht steht, das weiß niemand.

Abgesehen von den Verdächtigungen, die die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner selbst hegen, unabhängig von jeder fachmännischen Kenntnis und Erkenntnis.

Die Zweitplatzierte steht beim Fenster des Festsaals und unterhält sich mit Welk, eine angebracht niedergeschlagene Miene auf dem stark geschminkten Gesicht. Sie erhält selbstverständlich nicht die Krone - der Wettbewerb ist einerseits nicht wichtig genug, um eine lebendige Gewinnerin notwendig zu machen, andererseits viel zu wichtig, um der Siegerin ihren Status abzuerkennen. Das würde Halsdorf niemals akzeptieren. Schon allein deshalb nicht, weil der Großteil von Halsdorf vermutet, dass Andrea Haberkuck den schweren Gegenstand geschwungen hat, der der ihr Vorgezogenen den Garaus gemacht hat.

Viele verstohlene Blicke wandern im Laufe dieser Feier hinüber zu Andrea, dunkle, argwöhnische Blicke. Ich wüsste gerne, ob Andrea selbst mitbekommt, was vor sich geht. Ob sie spürt, wie sehr sich die Stimmung in ihrer Umgebung mit einem Mal verändert hat. Gestern ist sie noch bewundert worden, eine klare Favoritin gewesen - auch wenn jeder gewusst hat, wem der Titel letztendlich würde zugeschrieben werden. Und heute begegnen ihr die Leute - die wenigen, die überhaupt offenen Kontakt zu ihr suchen - mit Attitüden, die von vorsichtig prüfender Neugier bis zu deutlicher, unverfälschter Abneigung reichen. Eigentlich ist es verwunderlich, dass sie so lange bleibt - ich würde so etwas nicht mehrere Stunden am Stück ertragen. Auf der anderen Seite ist sie nicht nur die zweitschönste, sondern mit Abstand die dümmste Kandidatin gewesen. Vielleicht merkt sie tatsächlich nicht, was los ist.

Ich kaue lustlos auf einem Mozzarellastick herum und beobachte die anderen Gäste. Amelie vom Sender ist nicht hier - das überrascht mich nicht. Ein Kamerateam wuselt allerdings ziellos durch den Raum und nimmt hübsche Eindrücke auf, über die die Moderatorin später ihre Stimme würde rieseln lassen können. Ich erkenne die Tonfrau, weiß aber nicht gleich, woher. Dann stelle ich erstaunt fest, dass es Sophia ist, die da das Mikrofon hält und leicht verstört zu ihren Kollegen schielt, wohl in gespannter Erwartung konkreter Aufgaben. Sieh' an - eine der Damen der gestrigen Veranstaltung ist wohl doch auch in relevanten Hinsichten ein Nachwuchstalent.

Cecilia Knapp steht schon wieder am Eingang. Fast scheint es so, als hätte sie sich seit dem Abend zuvor gar nicht von der Stelle bewegt. Das eigentlich Verrückte daran ist, dass ich es ihr sogar zutrauen würde. Dieses Wesen ist kein Mensch. Ich weiß nicht, was sie ist, und eigentlich glaube ich nicht an Übersinnliches. Aber wenn es eines gibt, das meinem Atheismus Abbruch tun könnte, wäre es diese grauhaarige, spitznasige Gestalt, die zwischen den Flügeltüren steht und die Trauernden beobachtet. Then I saw her face, now I'm a believer. Die Liedzeile, derart aus dem Kontext gerissen, bringt mich zum Lachen. Ich tarne das Prusten hastig als ein Räuspern, was nicht schwerfällt: Ich habe mich an meinem Mozzarellastick verschluckt.

"Es ist schlimm."

Ich schrecke hoch und befürchte schon, ich würde das eben Zerkaute sofort wieder ausspucken. Stattdessen schlucke ich es mit einem qualvollen Gefühl in der Kehlkopfgegend hinunter, räuspere mich - diesmal wirklich - und wende mich nickend Gernot Welk zu. Ich habe gar nicht bemerkt, dass er Andrea verlassen hat und zu mir gekommen ist. Für einen Mann seiner Größe ist er auf erstaunlich leisen Füßen unterwegs.

"Ja", sage ich, "das ist es."

"Sie ist so schön gewesen." Welk hat schon immer dazu geneigt, das Offensichtliche auszusprechen. "Und so jung. So voller Leben. Mit einer strahlenden Zukunft vor sich."

Er ist auch ein großer Freund von Klischees, was seine Formulierungen betrifft.

"Wer bloß so etwas Grauenvolles tun kann?" Eine einzelne Träne tritt aus Welks Augenwinkel - nun, das muss gespielt sein, anders geht so etwas gar nicht. Ich runzle die Stirn und versuche, betroffen statt belustigt zu wirken. "Alle vermuten, es ist jemand aus dem Dorf gewesen, aber - das will ich keinem meiner Mitbürger zutrauen."

Erst überlege ich, ob er wirklich dumm genug ist, zu glauben, dass jemand von außerhalb gestern Nacht nach Halsdorf gekommen ist, um die Halsdorfer-Schönheitskönigin umzubringen; Knapps Versuche, die Stadt zu einer Tourismusfalle zu machen, funktionieren - dank mir. Aber sie funktionieren nicht gut.

Mehr noch drängt sich mir dann allerdings die Frage auf, ob Welk bewusst nur seine Mitbürger, nicht aber die Mitbürgerinnen erwähnt hat. Oder ob er einfach nur zu alt, zu sexistisch oder zu dumm ist, um politisch korrekte Sprache zu verwenden.

Ich gehe eher von einer der letzteren Annahmen aus.

Sicher bin ich mir nicht.

"Ein Glück, dass sie so früh entdeckt worden ist." Welk steckt sich einen Mozzarellastick vollständig in den Mund, schiebt eine Cherrytomate hinterher, und einen zweiten Stick, das alles mit einer Geschwindigkeit, die ich für unmöglich gehalten hätte. "So sind die Spuren sicher noch deutlicher - vom Täter, weißt du? Sicher weißt du es, wahrscheinlich besser als ich, du bist ja Schriftsteller." Dass ich keine Krimis schreibe, ist etwas, das er wohl noch nicht mitbekommen hat; gut, dass er mich etwa dreißigmal interviewt und vier Veranstaltungen moderiert hat, bei denen ich der Stargast gewesen bin. "Ich hoffe, die Polizei findet was Brauchbares. Und gibt bald die ... die ..." Wahrscheinlich fällt ihm Amelies Wortwahl ein; die schönste Leiche. "Gibt uns bald Christina zurück. Damit wir sie richtig bestatten können. Sie ist - sie war gläubig, weißt du? Sehr fromm. Ich habe sie jeden Sonntag in der evangelischen Kirche getroffen." Diesmal sind da zwei Tränen; ob er das wohl als Steigerung seiner schauspielerischen Leistung oder als Schnitzer einstuft? "Entschuldigung." Er putzt sich die Nase mit einem grauen, widerlichen Stofftaschentuch. Schniefend steckt er es in seinen Ärmel zurück, lässt den Blick durch die Halle wandern. "Ach. Ja, wirklich gut, dass sie gefunden worden ist. Aber wirklich überraschend ist es nicht - weißt du, wo sie gelegen ist?"

"Im Magnatenpark, nicht?"

"Ja. Und dort sind nun nicht gerade selten andere Menschen." Er lehnt sich näher an mich heran, als wolle er mir ein Geheimnis anvertrauen. Unwillkürlich tue ich es ihm gleich. "Ich weiß, die Dame hat gesagt, sie will anonym bleiben - aber ich finde, sie verdient es, dass man weiß, dass sie diese furchtbare Entdeckung gemacht hat. Sie ist eine Heldin für diese Stadt, wenn durch ihren rechtzeitigen Fund und ihr schnelles Handeln der Mörder geschnappt wird. Eine noch größere Heldin, sollte ich vielleicht sagen - es gibt so gut wie nichts, das sie nicht ohnehin schon für uns getan hat. Aber ich nehme an, sie hat das Gefühl, dass sie schon mehr als genug um die Ohren hat. Sie will nicht auch noch von jedem ausgefragt werden, was genau sie gesehen hat. Ja, unsere gute Cecilia ist wohl zu bescheiden und zu beschäftigt im gleichen Maße, um mit noch jemandem über die Sache zu reden. Sie hat blass ausgesehen beim Interview, kann ich dir sagen."

Ich höre ihn kaum noch. Er hat den Großteil meiner Aufmerksamkeit in der Sekunde verloren, in der er den Namen ausgesprochen hat. Ich sehe ihm weiterhin in die Augen, sowohl, weil ich mich nicht fähig fühle, mich auch nur ein Stückchen zu bewegen, als auch, weil ich mich gar nicht traue, den Blick auf sie zu richten. Obwohl ich es gerne möchte. Ich will sehen, ob sie uns beobachtet. Will in ihren Augen lesen, ob sie weiß, worüber wir sprechen.

Erst, als Welk sich endlich von mir abwendet, um mit vier Cherrytomaten und zwei Mozzarellasticks in der Hand zur Weinschenke zu wandern, wage ich es, zum Eingang hinüber zu schielen.

Cecilia Knapp steht nicht mehr dort.


Nach einer Nacht ohne Schlaf, einer halben Schachtel Zigaretten und einer intensiven Onanie, bei der ich verzweifelt versuche, nicht an Christina zu denken, stehe ich vor einer Mahagonitür, von der eine bösartige Macht auszugehen scheint. Wie gesagt, ich glaube nicht an solche Dinge. Aber mir wird immer kalt, so kalt, wenn ich mich hier befinde. In meinem Kopf schreit es, ich solle verschwinden, während ich den Arm hebe, um zu klopfen. Jedes Mal. Heute noch lauter als sonst.

Ich betrete Cecilia Knapps Büro zum ersten Mal aus freien Stücken und nicht, weil ich in einer angeblich dringlichen Angelegenheit hinbeordert worden bin.

Die Bürgermeisterin sitzt hinter ihrem Schreibtisch. Sie hält einen Stift wenige Millimeter über einem Papierstapel; als hätte sie eben erst mit dem Schreiben aufgehört und wolle mir auf diesem Weg mitteilen, dass sie sich ihm möglichst bald wieder widmen möchte.

"Ah." Die einsilbige Begrüßung hat etwas Bedrohliches an sich.

Ich schlucke. "Guten Morgen, Frau Knapp."

"Wie kann ich Ihnen heute behilflich sein?", fragt sie in gelangweiltem, fast schon entnervtem Ton. Nahezu so, als käme ich regelmäßig mit Bitten oder Wünschen zu ihr. Als sei nicht sie es, die mich ausnutzt. Als sei ich der Parasit.

Zorn steigt in mir auf, so roh und heiß, dass ich alle Vorsicht vergesse.

"Ich habe erfahren", sage ich, erstaunt über die Ruhe in meiner Stimme, "dass Sie Christinas Leiche gefunden haben."

Sie wirkt unbeeindruckt, legt aber den Stift beiseite. "Also hat Gernot die Katze aus dem Sack gelassen."

Es ist keine Frage. Ich sehe keinen Grund, ihr zu widersprechen.

"Das heißt, Sie haben uns tatsächlich gestern beobachtet?", sage ich stattdessen. Merke dabei selbst, wie dümmlich ich klinge.

Sie hebt die Augenbrauen. "Nein. Ich weiß nur, dass Amelie Diskretion bewahren kann."

Wir schweigen. Es ist ein erstaunlich heller Morgen für diese Jahreszeit; das grelle Sonnenlicht fällt durch das Fenster hinter Knapps Schreibtisch und lässt sie in einer Art opakem Glanz erstrahlen. Ich stelle mir vor, wie schön Christina in diesem Licht ausgesehen hätte. Cecilia Knapp wirkt mit diesem Special Effect nur noch monströser. Wie ein Dämon, der aus unbekannten Höllenkreisen emporgekrochen kommt.

"Ist das alles?", durchbricht Cecilias ausdruckslose Stimme endlich die Stille.

Ich zögere kurz. "Nein."

"Das hätte ich auch nicht erwartet." Sie nimmt den Stift wieder zur Hand und fährt mit dem Schreiben fort, während sie weiterspricht. "Sie sind doch sicher gekommen, um im Detail über die Sache zu sprechen. Was wollen Sie wissen? Wie Christina ausgesehen hat? Wo genau die Wunde sich befunden hat?" Sie hebt den Blick. "Ob ich jemanden am Tatort gesehen habe, der mir verdächtig erschienen ist?"

Ich erkenne, dass ich gar nicht genau weiß, wieso ich hergekommen bin. Interessieren mich die Antworten auf all diese Fragen? Oder ist es nur eine einzige Frage, die mich beschäftigt?

Und glaube ich nicht, die Antwort bereits zu kennen?

Die Bürgermeisterin starrt mich erwartungsvoll an. Zumindest wirkt es so. Wenn man sie lang genug kennt, merkt man es, wenn sie Interesse an einer Situation zeigt. Auch wenn sie stets versucht, es zu verbergen.

"Haben Sie?", bringe ich letztlich über die Lippen. "Jemanden gesehen?", füge ich hastig hinzu.

Sie beobachtet mich noch einige Sekunden, bevor sie antwortet. "Nein. Nur Christina. Ich gehe jeden Morgen - früh am Morgen - im Magnatenpark spazieren. Ich wohne an seinem Rande, wie Sie wissen, und ich schätze das Friedliche, das mir der Park zu bieten hat. So etwas findet man in einer Stadt wie unserer selten." Sie lächelt, aber es ist kein freundliches Lächeln; sie zeigt mir nur, dass sie weiß, dass ich die Ironie verstehe. Das Lächeln verschwindet nach nur einer Sekunde wieder. "Der Täter hat sich keine Mühe gemacht, den Körper zu verstecken. Es ist noch so dunkel gewesen zwischen den Eichen, dass ich beinahe über sie gestolpert wäre. Sie hat mitten auf dem Pfad gelegen." Cecilia Knapp neigt den Kopf zur Seite. "Ich habe sie sofort erkannt. Sie hat ihre Krone noch auf dem Kopf gehabt."

Was sie von sich gibt, klingt wie auswendig gelernt. Aber das muss nichts heißen. Wenn sie spricht, hat das meistens etwas von einem vorbereiteten Statement an sich. Im Großteil der Fälle handelt es sich wohl auch um vorbereitete Statements. Was ich herausfinden muss, ist, wie weit im Voraus diese spezielle Aussage schon geschrieben worden ist.

"Und - und wie lang war sie schon tot?"

Ein kurzes Zucken an Knapps Mundwinkel. "Woher genau soll ich das wissen?"

"Was würden Sie schätzen?"

Sie seufzt. "Ich weiß nicht, mit welchen Erwartungen Sie hier her gekommen sind an diesem wundervollen Morgen." Sie lehnt sich in ihrem Stuhl zurück; es ist ein schöner Stuhl, aus Mahagoni, wie die Tür zum Büro. Ich habe es anfangs belächelt, dass Frau Knapp einen gewöhnlichen praktischen Rollsessel verweigert und dieses klobige Ding vorzieht. Jetzt, wo ich sie besser kenne, halte ich es für eine weitere ihrer beunruhigenden Eigenschaften.

"Ich bin nur neugierig", sage ich.

"Dann gehen Sie nach Hause und schalten Sie den Fernseher ein. Der Lokalsender bekommt die neuesten Informationen sicher vor mir. Ich weiß nur, dass Christina Laitsch tot ist. Mehr kann ich Ihnen nicht erzählen."

Ich bewege mich nicht. Dieses Gespräch ist noch nicht zu Ende. Darf noch nicht zu Ende sein. Auch wenn es keinen ersichtlichen Grund gibt - alles, was aus Cecilia Knapps Mund gekommen ist, hat mich in meinem leisen Verdacht bestärkt. Ich möchte, dass sie es zugibt. Ich möchte sie sagen hören, wie sie die Leiche wirklich entdeckt hat. Ich möchte, dass sie ausspricht, was ich bis vor wenigen Minuten nur vermutet habe und mir jetzt mit einem Mal so offensichtlich erscheint. Vielleicht, wenn ich sie einfach geradeheraus frage. Ohne Umschweife. Ohne dumme Detektivspielerei - es gibt schließlich einen Grund, warum ich keine Krimis schreibe.

Ich sollte sie einfach fragen.

Ich nicke, drehe mich um und verlasse das Büro.


Das Schreiben fällt mir an diesem Vormittag nicht nur schwer. Es ist unmöglich. Ich bringe keine Kombination von Wörtern hervor, die auch nur ansatzweise nach einem deutschen Satz klingt. Ich klappe meinen Laptop zu, hole einen Apfel aus der Küche, lege den Apfel zurück und verlasse das Haus.

Anfangs weiß ich nicht, wohin mich meine Beine tragen. Nach einigen Minuten wird mir klar, welche Absicht ich unbewusst gehegt habe, als ich meine Sportschuhe angezogen habe. Ich bin unterwegs zu einem Besuch im Park.

Gut.

Die Straßen sind leer, aber damit ist stets zu rechnen. Halsdorf, trotz aller Bemühungen Cecilia Knapps, ist ein traditionsreicher Ort: Die Kinder sind jetzt in der Schule, die Eltern sind in ihren Büros und Fabriken und die Arbeitsuntätigen (meist die Mütter) putzen zuhause oder bereiten das Mittagessen vor. Ich hätte vor meiner Einwanderung nicht erwartet, dass ich mich an solche Umstände jemals würde gewöhnen können. Jetzt gefällt es mir. Nicht, weil ich mich angepasst habe, sondern weil es bedeutet, dass ich zu den allermeisten Zeiten des Tages der einzige Mensch bin, der ziellos durch die Stadt wandert. Ich habe ganze Viertel nur für mich, so scheint es.

Sogar im Park ist niemand, und das ist doch eher unüblich. Auch darin bleibt Halsdorf klischeebelastet: Die einzigen, die sich nicht immer an ihrem designierten Aufenthaltsort befinden, sind rebellische Jugendliche, die die Schule schwänzen und sich mit aus der Bar der Eltern entwendetem Alkohol zum Betrinken und Rummachen in den Park zurückziehen. Wahrscheinlich trauen sie sich das nicht, jetzt, wo die Polizei einen triftigeren Grund hat, den Park zu bewachen, als den, dass ein Dutzend gesetzesuntreuer Teenager hier sein Unwesen treibt.

Allerdings hätten die Kinderlein gerne kommen können. Denn von der Polizei fehlt jede Spur.

Das spricht nicht gerade für unsere Freunde und Helfer. Ob ihre Inspektion des Tatorts wirklich bereits abgeschlossen ist?

Oder hat ein Auftrag von oben sie vielleicht aus dem Park entfernt? Ich bin überzeugt davon, dass Cecilia Knapp genug glaubwürdige Vorwände aus dem Hut zaubern könnte, um dafür zu sorgen, dass sie beim Umherwandern zwischen den Eichen unbeobachtet bleiben würde.

Ich habe den Ratschlag der Bürgermeisterin befolgt und mich in den Pausen zwischen dem Schreiben (oder dem Mangel desselbigen) wieder Amelies und Welks Berichterstattung gewidmet. Aus dem Wenigen an echten Informationen, das sie zur Verfügung gestellt haben, und Knapps offensichtlich unvollständiger Erzählung, glaube ich, deduziert zu haben, wo genau Christina sich befunden hat. Knapp ist dem Pfad zwischen den Eichen gefolgt - und tatsächlich gibt es nur einen offiziellen Pfad durch den Park. Knapp selbst hat seine Anlegung veranlasst. Und in den Nachrichten ist die Rede davon gewesen, dass die Polizei mittlerweile doch einen Unfall in Erwägung zieht, weil ein wenig von Christinas Blut auf einer Statue gefunden worden ist. Unter Umständen sei sie gestürzt und mit dem Kopf gegen die Statue geknallt.

Als ob irgendjemand das glauben würde.

Aber es gibt im Grunde nur eine Statue nahe genug am Magnatenpfad, um die Idee eines solchen Unfalls auch nur im Ansatz denkbar zu machen.

Ich stehe vor der bedrohlichen Gestalt des kroatischen Adeligen, dessen Antlitz in diesem Park steinern verewigt worden ist. Niemand weiß genau, warum man einst entschieden hat, diese Figur hier aufzustellen. In den Archiven des Rathauses finden sich verschiedene Erklärungen. Keine davon klingt plausibel. Wie so vieles an diesem Dorf scheint auch seine frühe Geschichte von Lügen durchzogen zu sein.

Blut ist keines mehr zu sehen, aber ich bin mir nicht sicher, ob da überhaupt jemals welches gewesen ist. Auch sonst erkenne ich keine Anzeichen, die darauf hindeuten, dass hier ein Mord stattgefunden hat. Das einzige, das ich merke, ist, wie unheimlich es hier ist. Die Luft scheint still zu stehen. Ich höre keine Vögel zwitschern, keine Grillen zirpen, keine Flugzeuge oder Autos in der Ferne. Allerdings weiß ich nicht, ob das immer so ist. Ich durchquere den Park nicht oft; wenn ich mich einmal hier umhertreibe, dann meistens abseits vom Pfad. Aber ich kann mir vorstellen, dass Cecilia Knapp irgendwie dafür gesorgt hat, dass es hier immer so furchtbar still ist. Es würde mich nicht wundern, wenn genau diese unangenehme Atmosphäre das angeblich Friedliche ist, von dem sie am Morgen gesprochen hat. So etwas gefällt ihr sicher gut. Etwas so ... Totes.

"Genau hier."

In meinem Hals knackst es bedrohlich, so schnell reiße ich meinen Kopf herum. Ich reibe die schmerzende Stelle im Nacken, während die Bürgermeisterin langsam näher zu mir heranschreitet. Sie sieht mich nicht an; ihre ganze - wenngleich fühlbar interesselose - Aufmerksamkeit ruht auf der Basis der Statue.

"Hier, direkt neben der Statue, habe ich sie gefunden. Und da ..." Sie streckt einen Arm aus - der Ärmel des schwarzen Anzugs reicht bis über die Handwurzel, was der dürren Extremität verblüffende Ähnlichkeit mit einem Spinnenbein verleiht - und deutet mit einem unwahrscheinlich langen Zeigefinger auf eine Stelle gleich neben dem Schild, das Namen, Rang und - falsche - Geburts- und Sterbedaten des Adeligen verkündet. "Da ist das Blut gewesen, von dem Amelie heute gesprochen hat. Ich habe den dunklen Fleck für Erde gehalten, aber - so kann man sich irren, nicht wahr?"

Meine Hände ballen sich zu Fäusten. "Ein bisschen tief und mittig, um eine tödliche Kopfwunde zu erzeugen, oder?", sage ich. "Keine Kante. Keine Spitze."

Wieder hebt sie die Augenbrauen. Wann hat sie sich diese Geste angeeignet? Bis vor zwei Tagen hätte ich noch gesagt, Knapps obere Gesichtshälfte kennt keine Mimik.

Was hat sich geändert?

"Ich habe nie behauptet, dass ich der Unfalltheorie irgendwelchen ernstzunehmenden Wert beimesse", sagt sie. "Sie etwa?"

Ich schüttle den Kopf.

"Natürlich wäre es wünschenswert." Sie verschränkt ihre Arme hinter ihrem Rücken. "Für uns alle. Für Halsdorf. Ist Ihnen bewusst, dass das der erste von einer ortsansässigen Person begangene Mord seit über vierzig Jahren wäre?"

Ich wiederhole die Bewegung.

"Seit Richard Gilkoffs Vater seine Mutter erschossen hat, ist nichts Vergleichbares mehr geschehen." Sie tritt noch näher an die Statue heran, blickt hoch in das graue Gesicht, an dessen rechter Wange ein kleines Stück fehlt. "Seitdem nur auswärtige Täter - ein durchwandernder Dieb, eine Touristin und eine gesuchte Verbrecherin aus dem Süden. Und sonst - gar nichts. Nichts, wobei jemand sein Leben gelassen hat."

"Bis vorgestern", erwidere ich.

"Bis vorgestern", stimmt sie zu. Sie lächelt ihr herzloses Lächeln. Der Bereich um ihre Augen ist wieder gewohnt ausdruckslos. "Schlimm."

"Schlimm", wiederhole ich.

Es ist wieder still zwischen uns. Ich merke, dass meine Beine zittern. Ich will den Mund öffnen, als Knapp mir zuvorkommt.

"Sie ist sehr schön gewesen", sagt sie.

Und bringt mich mit diesem Themenwechsel etwas aus der Fassung.

"Eine Schönheitskönigin eben." Sie seufzt. "Ich habe vorgehabt, sie nach Wien zu schicken, um in Clubs und bei Paraden aufzutreten. Mir ist hier ein wahres Asset verlorengegangen. Vielleicht eines der wichtigsten neben Ihnen."

Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ein leeres Gefühl breitet sich in meiner Magengegend aus; ein Gefühl, das mir bekannt vorkommt, aber nur entfernt. Wie ein alter Freund. Oder Feind.

"Sie haben geglaubt, ich bin es gewesen, nicht wahr?"

Als sie die Worte ausspricht, wird mir klar, was ich empfinde.

Die Situation ist mir peinlich.

"Wie kommen Sie denn darauf?", presse ich aus meinem trockenen Mund hervor. Es klingt seltsam, als sei es nicht meine eigene Stimme.

"Sie sind durchschaubar", antwortet Knapp in schlichtem Tonfall. "Deswegen taugen Sie auch als Schriftsteller so wenig. Aber das macht nichts - die Massen, die Ihre Bücher kaufen, sind noch durschaubarer als Sie."

Die Beleidigung tangiert mich nicht. Es hat mich noch nie interessiert, was Knapp wirklich von meiner Arbeit hält, obwohl ich immer geahnt habe, dass sie kein Fan ist. Sie liest Austen und Shakespeare, Schnitzler und Christie. Autorinnen und Autoren, von denen die Literaturgelehrten behaupten, man muss sie gelesen haben. Ich glaube nicht, dass Knapp selbst auch nur die geringste Ahnung von Literatur hat.

"Können Sie mir meinen Verdacht übelnehmen?", frage ich. "Sie haben Laitsch doch nie gemocht."

Sie runzelt die Stirn. Noch etwas, das ich sie vorher noch nie habe tun sehen.

"Wie kommen Sie denn auf diese Idee?"

"Ich - es war offensichtlich. Aufgrund der Art, wie Sie sie angesehen haben. Bei der Show vorgestern."

"Es erstaunt mich, dass Sie Zeit gefunden haben, mich während der Veranstaltung zu beobachten." Sie gibt ein dumpfes Geräusch von sich, das wohl eine Art Lachen darstellen soll. "Man möchte meinen, vor Ihnen auf der Bühne hätte es Beachtungswürdigeres gegeben."

Ich entgegne nichts. Versuche, ihrem Blick standzuhalten. Warte, dass sie weiterspricht. Sich verplappert. Irgendetwas sagt, das doch noch als Geständnis gedeutet werden könnte. Ich darf mich nicht geirrt haben.

Und ich irre mich auch nicht. Ich weiß, dass sie es gewesen ist. Ich will, dass sie verhaftet wird.

"Ich habe nicht das Geringste gegen Christina gehabt", sagt Knapp schließlich, und in mir stellt sich eine Zufriedenheit ein wie in noch keinem Gespräch mit ihr jemals zuvor: Sie wendet als erste den Blick ab. Ein kleiner Sieg, aber so klein fühlt er sich nicht an. "Im Gegenteil. Sie ist eine hervorragende Geschäftspartnerin gewesen. Ich werde gar nicht erst so tun, als wüssten Sie nicht, dass der Wettbewerb schon vor Wochen entschieden gewesen ist. Sie sind schließlich in die ganze Sache involviert gewesen."

Sie beginnt, sich in Bewegung zu setzen. Erst glaube ich, sie möchte einfach gehen. Dann erkenne ich - ein wenig verwundert -, dass sie langsam um die Statue umherschlendert. Einfach im Kreis geht.

"Es ist tatsächlich nur ihr Tod, mit dem ich ganz und gar nicht einverstanden bin. Wie gesagt. Ein verlorenes Asset."

"Sie war nur ein Ding für Sie, eine Marketingstrategie", sage ich. Meine Zähne sind zusammengepresst. Ich werde wieder wütend. "Weiter nichts."

"Das sind Sie doch auch. Deswegen bringe ich Sie nicht um. Und Laitsch genauso wenig. Wer bitte vernichtet denn seine eigenen - wie sagen Sie? Marketingstrategien." Sie gluckst. Das Geräusch klingt aufrichtiger belustigt als das falsche Lachen vorhin. "Nein." Sie bleibt vor mir stehen, baut sich zu ihrer vollen Größe auf. Sie reicht mir gerade einmal bis zum Kinn. "Nein, ich habe Christina nicht getötet. Und die Behauptung, ich hätte es getan, ist die unsinnigste Theorie zu dem Mord, die ich bisher gehört habe."

Mein ganzer Körper bebt jetzt. Ich kann mir nicht einmal erklären, wieso. Weder, wieso ich mich so wenig unter Kontrolle habe. Noch, wieso ich mir so sicher bin, dass Knapp die Mörderin ist.

Aber es ist so. Beides.

"Sie lügen", sage ich, und es ist beinahe ein Flüstern. "Sie sind eifersüchtig auf Christina. Weil sie so gut aussieht. Ausgesehen hat."

"Ich halte nichts von Äußerlichkeiten."

"Sie haben sie gehasst, weil sie beliebt ist."

"Beliebte Menschen sind meist schwache Menschen. Oder fügige."

"Sie -" Mir wird ein wenig schwarz vor Augen, fast so, als würde ich gleich in Ohnmacht fallen. "Sie sind ein Monster."

"Und Sie", erwidert sie, "sind ein Dummkopf."

Es dauert weniger als eine Sekunde. Ehe ich weiß, was passiert, stürze ich mit gewaltigem Schwung nach vorne, stoße mit ausgestreckten Händen gegen Cecilia Knapp. Ich streife mit den kleinen Fingern ihre Brüste, ihre alten, hängenden, widerlichen Brüste. Ein Anflug von Entsetzen huscht über ihr Gesicht, aber der Ausdruck hat keine Zeit, sich zu manifestieren. Trotzdem ist er befriedigend. Ermutigend. Erst danach verstehe ich, was eigentlich gerade passiert. Knapp findet keinen Halt. Ihr Kopf knallt gegen den Statuenboden - und diesmal ist es die Kante.

Nicht einmal eine Sekunde.

Und Cecilia Knapp liegt regungslos vor mir. Wohl ziemlich genau dort, wo Christina Laitsch sich befunden haben muss. Was aus ihrem Kopf fließt, färbt den gepflegten Rasen dunkel, sehr dunkel. Es hätte mich nicht überrascht, wenn schwarzes Blut aus der Bürgermeisterin geflossen wäre. Aber ich vermute, es ist das seltsame, gleichzeitig düstere und grelle Vormittagslicht, das das Rot auf diese obskure Weise glänzen lässt.

Ich glaube, ich habe Cecilia Knapp getötet.


Wenige Meter hinter der Statue gibt es ein Fleckchen, an dem die Bäume - diese ausnahmsweise keine Eichen - besonders dicht beieinanderstehen. Das macht es auch schwierig, dort zu mähen. Das Gras wächst an dieser Stelle hoch und Sträucher tummeln sich um die Stämme. Dort habe ich Cecilia Knapp zuerst versteckt.

Die Felder hinter meinem Haus haben früher den Pferden gehört. Jetzt sind sie ungenutzt. Ich habe sie verwildern lassen, weil ich gehofft habe, das würde mich zu Geschichten inspirieren. Dass es mir einmal in völlig anderer Weise dienlich sein würde, habe ich nicht vorhergesehen.

Der Pfad im Magnatenpark ist breit genug für ein Auto. Es ist nicht erwünscht, das auszunutzen. Aber heute ist mir das egal. Wer soll mich zurechtweisen - die Bürgermeisterin?

Dankbar, dass die Polizei vom Tatort abgezogen worden ist, steuere ich meinen alten Ford bis zur Statue, gehe sicher, dass immer noch niemand in der Nähe ist, und öffne den Kofferraum. Erst habe ich vorgehabt, durch die Wiese bis zur Leiche zu fahren; aber dann ist mir eingefallen, wie viel deutlicher Reifenabdrücke sich im Gras abzeichnen würde als auf dem erst kürzlich gepflasterten Weg. Vielleicht sollte ich mich doch einmal an einem Kriminalroman versuchen.

Ich säubere den Tatort, so gut es geht - fast unmöglich, aber wenigstens die Flecken an der Statue kriege ich weg. Ich hoffe, dass etwaige Passantinnen und Passanten das verdunkelte Gras für ein Ergebnis des ersten Mordes halten, der hier stattgefunden hat. Und dass die Polizei wirklich unfähig genug ist, um nicht so bald noch einmal hierher zurückzukehren. Für den Nachmittag ist Regen angesagt. Das ist gut.

Die Leiche wickle ich in einen alten Teppich; Klischees zu bedienen, ist manchmal keine schlechte Idee. Ich bin selbst erstaunt darüber, wie schnell Cecilia Knapp in meinem Wagen, dann in meinem Haus, und schlussendlich auf dem Feld dahinter verstaut ist. Hätte ich eine Verabredung zum Mittagessen, ich würde nur bedingt zu spät kommen. As it is, habe ich keine Freunde, keine Freundinnen und keine Termine.

Ich glaube, ich habe Christina Laitsch erfolgreich - und heimlich - gerächt.

Ich weiß nicht sicher, ob das überhaupt mein Ziel gewesen ist. Aber - details, schmetails.

Ich schalte den Fernseher ein. Am Lokalsender laufen die Zwölfuhrnachrichten. Wozu es die gibt, obwohl nur zwei Stunden zuvor das Morgenmagazin geendet hat, habe ich noch nicht wirklich herausgefunden. Vielleicht würde es sie aber auch nicht mehr lang geben. Wer weiß, was sich alles in diesem Dorf ändern wird. Vielleicht darf es bald endlich wieder anfangen, ein richtiges Dorf zu sein. Jetzt, wo Cecilia Knapp nicht mehr Bürgermeisterin ist.

Womit ich gedanklich wieder bei dem Grund für mein gesteigertes Interesse an den Mittagsmeldungen angekommen wäre. Ich schalte lauter und konzentriere mich. Und zittere.

"Schwingels Laden für Papier- und Bastelwaren veranstaltet dieses Wochenende einen Sonderabverkauf", setzt Amelie an, und ich atme erleichtert aus. Erst da bemerke ich, dass ich die Luft angehalten habe.

Also noch nichts. Mit viel Glück würde das noch eine Weile so bleiben. In ruhigen Zeiten im Dorf ist man es gewohnt, dass Knapp für einige Tage verschwindet, um auswärts Geschäfte zu erledigen. Zwar käme es sicher vielen komisch vor, würde sie nach dem Mord nicht hierbleiben, um die Polizei tatkräftig zu unterstützen. Manche werden vielleicht sogar die Entscheidung der Polizei infrage stellen, einer Einwohnerin das Verlassen des Dorfes zu erlauben, solange nicht geklärt ist, wer den Mord begangen hat. Aber wenn es jemandem gestattet wird, dann sicher der Bürgermeisterin. Dass sie niemandem Bescheid gegeben hat, ist auch kein Problem. Cecilia Knapp ist niemandem Rede und Antwort schuldig.

Damit hat jeder im Dorf zu leben gelernt.


Das Licht der Polizeiautos auf der Straße vor den Fenstern verwandelt mein Wohnzimmer in eine blaue Zelle. Ich höre Inspektor Warzach irgendetwas brüllen. Die Sirenen erfüllen meinen Kopf, scheinen in meiner Schädeldecke zu vibrieren, bringen mich zum Schreien. Von irgendwoher kommt Amelies Stimme: "Der Verantwortliche für den Tod von Christina Laitsch und Cecilia Knapp wird gestellt. Wir berichten live vom Geschehen. Der dorfbekannte Schriftsteller hat sowohl der Schönheit als auch dem Biest den Garaus gemacht. Gerüchten zufolge ist er bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr Bettnässer geblieben."

Ihre Stimme verblasst. Ein Schatten in der Ecke neben meinem Fernseher wird größer. Verwandelt sich in Cecilia Knapp. Das Loch in ihrem Kopf ist gewachsen. Ihre Augen sind weiß, leer. Alle ihre Zähne sind ausgefallen.

Ihr langer Zeigefinger ist anklagend erhoben, deutet auf mich.

Ich schrecke in meinem Bett hoch. Einen Augenblick lang bilde ich mir ein, die Sirenen immer noch zu hören. Dann verhallen sie.

Ich schwitze. So stark wie schon lange nicht mehr. Mir ist schwindlig. Tiefes Durchatmen und intensives Augenreiben nutzen nichts. Ich stehe auf und gehe hinüber ans Fenster.

Die unkrautbewachsenen Felder liegen vor mir, erstrecken sich bis zu dem Wald, der die Dorfgrenze darstellt. Sie sind ruhig, ungestört. Ich sehe den Punkt in der Ferne, an dem ich Knapp vergraben habe. Dort tut sich nichts. Natürlich nicht.


Als ich am nächsten Morgen im Supermarkt einkaufe, grüßen mich die Leute mit üblichem Frohmut. Christina Laitschs Tod scheint beinahe schon wieder vergessen. Oder zumindest überwunden. Und zu Cecilia Knapp kursieren offenbar keine aktuellen Gerüchte. Ihr Verschwinden ist niemandem aufgefallen. Oder es interessiert keinen.

In der Bibliothek plaudere ich kurz mit der Volksschullehrerin Kamilla Rosch. Mit ihr würde ich auch gerne schlafen, wenn auch nicht so gerne wie mit Christina. Ich ziehe es kurz in Erwägung, sie zu gemeinsamem Kaffeetrinken einzuladen, überlege es mir im letzten Moment aber anders. Ich habe gegenwärtig Dringlicheres zu tun. Das stimmt auch nicht ganz - ich muss nur abwarten und hoffen. Aber wenn ich in einer Sache immer gut gewesen bin - abgesehen vom Schreiben -, dann darin, Ausreden zu finden, wenn ich mich etwas nicht zu tun traue. Man möchte meinen, ein begangener Mord würde den Feigling aus einem austreiben.

Man würde sich damit scheinbar irren.

Vor der evangelischen Kirche wird heute Limonade für einen guten Zweck verkauft. Ich habe schon wieder vergessen, um welchen Zweck es sich handelt, aber es ist mir relativ egal. Wichtig ist mir, dass ich gesehen werde. In der Öffentlichkeit. Halbwegs heiter, plaudernd und lachend. Die Leute sollen wissen, dass alles normal ist. Dass ich nichts zu verbergen habe.

Welk ist auch dort. Selbstverständlich ist er das. Er kauft gerade sein drittes Glas Limonade (mit extra Zucker) und erzählt mir (mit extra Elan) irgendetwas über seine Pläne für den Winter (mit extra Ausblick auf den Frühling). Ich nicke und lächle und bin mit den Gedanken bei meinem Buch. Etwas sagt mir, dass es mir heute endlich gelingen wird, die eine oder andere Seite zu füllen.

Meine kreativen Gehirnergüsse und Welks private Berichterstattung werden unterbrochen, als der laute Ausruf einer meiner Nachbarinnen über den Platz hallt.

"Das kann nicht sein!"

Obwohl ich es, vernünftig betrachtet, nicht wissen kann, ist mir sofort klar, was Annemarie Hauser so schockiert. Die fette Kuh hat sich von ihrem Fernseher zuhause losgerissen und hergeschleppt, nur, um Limonade süffelnd in den Fernseher zu starren, der in der Pizzeria gegenüber der Kirche im Fenster hängt. Ich sehe neben ihrem überdimensionalen Bauch das Logo des Halsdorfsenders. Während der Pizzabäcker hastig den Ton hochdreht, klopft mein Herz von innen mit solcher Wucht gegen meine Brust, dass es wehtut.

"- Durchbruch im Fall Christina Laitsch gelungen", ertönt Amelies Stimme, laut wie durch ein Megaphon. "Wie uns ein zutiefst schockierter Beamter mitteilt, hat die zwölfjährige Mira Kaiser die Tat gestanden. Die Schwester von Sophia Kaiser, einer Kandidatin beim lokalen Schönheitswettbewerb, hat der Quelle zufolge angegeben, Christina um ein Treffen im Park gebeten und sie dort angefleht zu haben, die Krone an ihre Schwester abzutreten, und schließlich, als Christina sich weigerte, mit einer der Keulen, die Sophia zum Jonglieren benutzt -"

Ich merke, dass mein Mund offensteht. Ich versuche gar nicht erst, ihn zu schließen. Ich weiß nicht, wie sich eine Kiefersperre anfühlt. Aber ich nehme an, so.

Die Leute um mich herum seufzen und stöhnen. Manche weinen sogar. Welk presst seine rechte Hand gegen den linken Oberarm, ein starrer Ausdruck puren Entsetzens auf dem Gesicht, offenbar endlich einmal authentisch in seiner Reaktion. Sieht ganz so aus, als bekäme Halsdorf diese Woche bald seine dritte Leiche.

Der Gedanke bringt mich fast zum Lachen.

Stattdessen übergebe ich mich.

Über diese Geschichte

Diese Kurzgeschichte (Novelle?) habe ich 2016 für einen Wettbewerb zum Thema "Schönheit" geschrieben. Sie ist abgelehnt worden. Weil sie in meinen Augen aber eines meiner gelungensten Kurzprosa-Projekte darstellt, ist es mir weiterhin ein Bedürfnis gewesen, einen Ort für sie zu finden. Die allermeisten Ausschreibungen verlangen nach Texten bis 5, höchstens 10 Seiten, oder nach Manuskripten in Romanlänge. Dementsprechend ist meine Suche nach einem passenden Ort bisher erfolglos geblieben.

Jetzt soll "It's All About Sex" daher die erste Geschichte sein, die ich selbständig veröffentliche. Und da alles, das wichtig ist, sich heutzutage im Internet befindet, stört es mich nur ein bisschen, dass sie nicht gedruckt erscheint. (-:

Ich freue mich über jede Kritik, jede Meinung, jeden Verbesserungsvorschlag - natürlich auch über jedes Lob. Am allermeisten freue ich mich allerdings allein darüber, dass Sie meinen Text gelesen haben. Darum geht es. Das ist mein Glück.