Mort (2016)

05.10.2017

Lia Oslowsky ist vor zwei Monaten ermordet worden. Eine Hand ist fast vollständig vom Arm abgetrennt gewesen, sieben Zähne sind ihr ausgeschlagen worden, die Stichwunde in ihrem Rücken ist so breit und tief gewesen, dass es der schuldigen Instanz möglich gewesen ist, aus dem verblutenden Körper eine Niere zu entfernen und diese durch den Raum zu schleudern. Die angebliche Täterin, eine ehemalige Krankenschwester, hat bei ihrer Inhaftierung in derselben Nacht keinen Grund für diese Organentnahme angegeben - oder für sonst irgendeinen Aspekt des Mordes, geschweige denn für den Mord selbst. Lia Oslowsky ist acht Jahre alt gewesen. Die ehemalige Krankenschwester hat zuvor weder direkt noch indirekt mit dem kleinen Mädchen zu tun gehabt.

Ich betrete den Laden, in dem der Mord stattgefunden hat, mit bemühter Gelassenheit, das Messer in der einen, die Pistole in der anderen Innentasche meiner Jacke. Rich steht bereits drüben bei der Tiefkühlabteilung, wie ausgemacht. Er begutachtet die Auswahl an Pizzen, scheinbar besonders eingenommen von denen mit Salami. Die mag ich nicht, aber so eine Margherita hätte ich jetzt gerne gegessen. Lieber jedenfalls als hier mit Waffen bestückt in diesen winzigen Vierundzwanzigstundenshop einzukehren. Überhaupt, wenn einer der Kollegen, mit denen ich die Operation heute koordinieren muss, Rich ist. Wie intensiv kann man sich dem Anblick einer Salamipizza hingeben? Es wundert mich nicht, zu sehen, dass der Verkäufer hinter der Theke meinen Freund mit gehobener Augenbraue taxiert. Der Mann scheint nicht dumm zu sein.

Gleichzeitig nicht klug genug, um einen Teil seiner Aufmerksamkeit an den Neuankömmling abzutreten.

Wie besprochen taumele ich merklich ziellos und lächelnd in die allgemeine Richtung des Magazinständers. Der neugierige Streuner, der nur auf Durchreise ist, zu viel Zeit zur Verfügung hat, ein paar Minuten in einer klimatisierten Räumlichkeit totschlagen will an diesem ungewohnt sommerlichen Tag in der südbritischen Kleinstadt. Das ist meine Rolle. Ich habe Mort sagen wollen, dass Rich für so etwas besser geeignet ist. Nicht, weil ihm die Rolle mehr liegt - sondern weil ihm die des zielstrebigen Käufers viel weniger entspricht. Ein zielstrebiger Käufer findet, was er begehrt, freut sich, kauft es, geht. Wenn das nicht der Fall ist, brauchte es gute Ausreden dafür. Und die findet der, der vorgibt, ein zielstrebiger Käufer zu sein, nur spontan. Rich war kein Improvisator.

Ich schon.

Ich wäre zu dem Tiefkühlregal gegangen, hätte eine Pizza genommen, wäre schon auf dem Weg zur Kassa gewesen - als ich sehe, dass ich die falsche Pizza habe. Zurück beim Regal suche ich eine ganz bestimmte Pizza - finde sie nicht. Der Verkäufer hört mich schon verärgert murmeln. Er fragt, ob er mir helfen kann, ich rufe Nein. Nein, ich schau' nur - aber ich glaube - warten Sie, ich ruf' kurz an -

Aber wen, das verrate ich nicht, und es interessiert den Verkäufer zu diesem Zeitpunkt auch bereits nicht mehr. Ich wähle und täusche das Telefonat mit - dem Kind? Der Ehefrau? Der Mutter, die ich besuche? - mit Wer-auch-immer-mir-in-den-Kopf-schießt vor, ein recht umständliches Telefonat, denn der Person am anderen Ende fallen noch drei andere Dinge ein, die es zu klären gilt. Weiter im Tiefkühler herumkramen, bis ich draufkomme, dass ich Energie verschwende, schnell schließen, um das Telefonat fortzusetzen, auf dessen rasches Ende ich bereits hörbar dränge. Dem Verkäufer gehe ich nur noch auf die Nerven - er blendet mich aus ...

Aber nein. Rich steht schweigend bei den Pizzen, macht ein bisschen den Eindruck, als wäre er auf Droge. Wenn mich nicht alles täuscht, zittert er sogar. Ich runzle selbst die Stirn, um dem Verkäufer, sollte er mich doch noch beachten, zu verstehen zu geben, dass ich das Verhalten ebenso ungewöhnlich finde. Solange der kleine Herr mit der Glatze und der Warze über dem rechten Ohr nicht auf die Idee kommt, dass Rich und ich etwas miteinander zu tun haben, ist die Aktion noch zu retten.

Ich höre das Bimmeln der Glocke über der Eingangstür. Ich schiele hinüber und erhasche einen kurzen Blick auf Mort. Zu lange will ich ihn nicht ansehen. Darf ich auch nicht. Morts Order.

Meine Armbanduhr bestätigt, was ich vermute: Mort ist Rich und mir ganz nach Plan, auf die Sekunde genau um dreizehn Uhr achtundfünfzig, in den Laden gefolgt. Wir wissen fast nichts über den Chef, aber einen Aspekt seiner Persönlichkeit kennen wir nur zu gut: Er ist pünktlicher, als man es jedem normalen Menschen zutrauen würde.

Natürlich gehen wir seit einer ganzen Weile nicht mehr davon aus, dass Mort ein normaler Mensch ist. So etwas anzunehmen ist, meinen Erfahrungen der letzten Jahre nach zu urteilen, oft eine aberwitzige Leichtsinnigkeit. Im Falle Morts sogar eine gefährliche.

Ob er heute einen von uns beiden enden würde? Wahrscheinlich. Ein neuer Tod ist lange überfällig.

Mort schlendert zur Theke, als hätte er alle Zeit, alle Ruhe der Welt. Mit fast traurigem Blick sieht er sich um, ohne erkennbares Interesse an den Rollen Tesafilm, an der Auswahl an Rohrreiniger oder an den in Plastiksäcken abgepackten Äpfeln. Seine ungewöhnlich aufrechte Haltung stellt einen Widerspruch zu seiner langsamen, gemütlichen Gangart dar. Das fällt mir wohl nur auf, weil ich Mort meistens in Eile erlebe. Den Verkäufer irritiert der Eindruck, den Morts Gesamterscheinung vermittelt, offenbar ebenfalls, so fasziniert, wie er von dem potentiellen Kunden mit dem schütteren Haar und der fast erschreckend glatten, gräulichen Haut zu sein scheint. Aber ich bin mir sicher, dass der Mann keinen Grund für seine Verwirrung würde formulieren können, sollte ihn jemand danach fragen. Selbstverständlich wird ihn niemand fragen.

Mort erreicht die Theke, bleibt stehen und wendet sich unvermittelt dem dicken Mann dahinter zu, als wäre das von Anfang an seine Absicht gewesen. So ist es auch, wie ich weiß.

"Guten Tag", säuselt Mort.

Morts Stimme ist eine seiner rätselhaftesten Eigenschaften. Sie verändert sich merklich von Gespräch zu Gespräch. Muster habe ich noch keines erkannt: Vom Gesprächspartner scheinen die Höhe, die Stimmlage und die Tonart genauso wenig abhängig zu sein wie von der Tageszeit, der Umgebung, dem Monat, dem Jahr - oder dem Jahrzehnt.

Ich versuche schon eine geraume Weile, Mort zu durchschauen.

"Gu-guten Tag", stammelt der Verkäufer, so überrascht klingend, als hätte er an diesem heißen, nach Abgasen und Nadelholz duftenden Tag mit nichts weniger gerechnet als damit, angesprochen zu werden.

"Sie haben eine beeindruckende Auswahl an nützlichen und erheiternden Gegenständen." Mort macht eine ausschweifende Bewegung mit seiner Hand, als präsentiere er damit nicht Schokolade, Kühlschrankmagneten und billige Schlüsselanhänger, sondern seltene Bücher, tropische Pflanzen oder antike Vasen.

Der Verkäufer blinzelt. Rich bei den Pizzen ist mittlerweile so vergessen für ihn, wie ich ihm nie aufgefallen bin. "Ich ...", beginnt er, aber ihm fällt schließlich nichts Besseres ein als: "Danke."

Mort neigt den Kopf kaum merklich zur Seite. "Das ist der Ort, an dem sich das grauenvolle Vergehen an der jungen Lia Oslowsky zugetragen hat, nicht wahr?"

Der plötzliche Themenwechsel bringt den Verkäufer endgültig aus der Fassung. Er weicht ein Stück zurück, bemerkt offenbar, wie auffällig diese Bewegung gewesen ist, stellt sich hastig wieder möglichst gerade hin.

"Richtig", sagt er.

Mort nickt. "Wissen Sie, werter Herr ..."

"Biron", beantwortet der Verkäufer die ungestellte Frage.

"Herr Biron." Mort lächelt, aber seine Augen erfahren nichts davon. "Es verhält sich so, dass die für das Verbrechen Inhaftierte eine Bekannte von mir ist."

Herr Biron verzieht das Gesicht in einer Fratze, die irgendwo zwischen zurückgehaltener Abneigung und angestrengtem Überlegen festhängt. Mort schweigt. Er wartet geduldig auf eine Reaktion des Mannes.

"Dann sollten Sie sich Ihre Freunde vielleicht besser aussuchen", sagt Herr Biron schließlich nach beinahe einer halben Minute, augenscheinlich stolz auf seine Schlagfertigkeit.

"Oh, glauben Sie mir, Herr Biron." Morts Lächeln verschwindet. "Ich bin sehr sorgfältig in der Wahl meiner Freundinnen und Freunde." Er hebt eine Hand zu seinem Kinn, streichelt seinen Bartschatten, als würde er konzentriert über einen komplexen Sachverhalt sinnieren. "Und glauben Sie mir noch etwas. Ich bin nicht erfreut darüber, wenn eine oder einer der Meinigen eingesperrt wird, obwohl sie oder er nichts verbrochen hat."

Herr Birons Gesicht läuft rot an. "Den Mord nennen Sie nichts?", krächzt er empört; das Kratzen in seiner Stimme lässt jede der Zigaretten erahnen, die er seit seinem vierzehnten Lebensjahr geraucht hat. Der Lungenkrebs keimt bereits. Aber wir wissen, dass es noch lange dauern würde, bis er Herr Birons Ende bedeutet. Zu lange.

"Nein, Herr Biron, nein - Sie missverstehen." Mort schüttelt mit geduldigem Lächeln den Kopf, wedelt langsam mit den Händen vor seinem Gesicht, bevor er sie hinter dem Rücken verschränkt. "Der Mord ist vieles. In gewisser Hinsicht ist er alles. Unsere Freundin hat ihn nur nicht begangen, wie wir wissen. Wie Sie wissen."

Herr Birons Augen weiten sich.

"Wir bestätigen hiermit gerne Ihre Befürchtung." Mort wendet sich von dem Verkäufer ab, beginnt, langsam zurück zur Tür zu schreiten. "Wir wissen, dass Sie Oslowsky ermordet haben", sagt er im Gehen, in ausdruckslosem Ton, fast desinteressiert klingend. "Und wir haben beschlossen, die junge Dame zu rächen."

Als sich die Tür bereits mit dem Bimmeln der Glocke hinter Mort schließt, steht Herr Biron immer noch sprachlos, regungslos hinter seiner Theke. Er starrt Mort durch die Glasscheibe an. Der alte Mann inspiziert draußen seelenruhig seine Armbanduhr.

Erst, als Rich und ich vortreten, erinnert sich Herr Biron, dass er nicht mit Mort allein gewesen ist.

Ich zücke das Messer, Rich die Kamera. Herr Biron schreit erst, als ich ihm bereits in der Parodie einer Umarmung die Klinge in den Rücken geschmettert habe. Ich sehe ihm direkt in die winzigen Augen: Kein Bedauern, keine Reue - aber auch keine Angst. Nur Zorn lese ich in den schlammgrünen Iriden - und einen Rest der Verständnislosigkeit, für welche der Organismus, wie er selbst zu begreifen scheint, nun keine Zeit mehr hat. Ich wackle mit dem Messer auf und ab, während Rich die ersten Fotos schießt, aber ich drehe es noch nicht - Herr Biron soll noch nicht sterben. Der fette Mann versucht, nach mir zu schlagen, aber Rich streckt einen Arm aus, um den des Verkäufers abzufangen, und ich nutze die Gelegenheit, um das schwere Objekt zu Boden zu stoßen. Ich trete ihm ins Gesicht, mit der großen Zehe voraus, um die notwendigen Stellen nicht zu verfehlen - einmal, zweimal, und nur ein drittes Mal ist nötig, um den siebten Zahn zu entfernen: Die kleinen, vom Rauchen gelb und braun gefärbten Klumpen landen unspektakulär neben dem Kopf des stöhnenden und raunenden Mannes. Das Blut hat kaum begonnen, aus seinem Mund zu fließen, als Rich mir das Hackebeil reicht. Ich knie neben Herrn Biron nieder und schlage ihm die linke Hand ab.

Herr Biron stößt ein schwaches Wimmern aus. Ich drehe ihn auf den Bauch, zücke das Messer erneut, weite die Stichwunde. Dickes Blut, kolossale Schichten gelben Fettes und schmierige Organe empfangen meine Hände, und ich stöbere konzentriert in dem zuckenden Körper, bis ich finde, wonach ich suche. Eine Hand umschließt die Niere; ich packe sie so fest wie möglich, während ich mit dem Messer in der anderen Hand die Stelle um das Organ bearbeite; rutsche unwillkürlich ein wenig hin und her, aber damit ist zu rechnen gewesen; ziehe an. Die Niere ist nichts als eine übergroße, braune Bohne, frisch geerntet. Ich sehe mich kurz um, entdecke eine Stelle unter der an der Decke befestigten Klimaanlage, die mir gefällt, und werfe die Niere in diese Richtung. Das schmatzende Klatschen, mit dem sie gegen die Wand knallt, hat etwas Befriedigendes.

Herr Biron ist bereits tot. Das wiederum hat etwas Enttäuschendes.

Rich schießt ein paar letzte Fotos, bevor wir den Laden verlassen.

Mort wartet auf uns, immer noch mit seiner Uhr beschäftigt. Als wir an seine Seite treten, hebt er den Blick. Seufzend richtet er ihn gen Horizont. Seine ausdruckslose Miene verrät nichts darüber, ob das Gefühl der frühnachmittäglichen Sonnenstrahlen auf seiner Haut ihm Freude bereitet oder nicht. Ich tippe auf nicht. Aber eigentlich interessiert es mich kaum.

"Gut", sagt Mort. "Eine letzte Entscheidung steht noch aus, nicht wahr?"

Rich und ich nicken.

Als Mort einen erwartungsvollen Blick auf mich richtet - einen Blick, der tatsächlich das, was er vermitteln soll, ausstrahlt, nicht nur impliziert, wie es Morts Mienen sonst tun -, glaube ich, bereits zu wissen, was geschehen würde. Natürlich ist es auch möglich, dass er mich nur darauf hinweisen will, dass er die Pistole braucht. Deren Griff halte ich schon längst in meiner Jackentasche umfasst, um sie sofort ziehen zu können, sobald der Moment gekommen ist.

Ich überreiche Mort die Pistole.

Ich rechne mit einer kurzen Ansprache. Einer Abschiedsrede. Einer Begründung.

Stattdessen dauert es keine Sekunde, bis die Waffe von meiner in Morts Hand gewandert ist, Mort sie auf Rich gerichtet und abgedrückt hat.

Rich geht geräuschlos zu Boden.

Ich schließe die Augen. Seufze.

"Meine Fingerabdrücke -", beginne ich.

"Darum wird sich gekümmert", unterbricht mich Mort, während er behutsam die Waffe in Richs ausgestreckte Hand legt.

"Die Kameras?", frage ich, mich diesmal bewusst auf diese möglichst kurze Äußerung beschränkend.

"Liefen diesmal selbstverständlich", antwortet Mort, "und die Aufnahmen werden zeigen, wie Lias Vater, der nach einem Monat des Grübelns und Forschens herausgefunden hat, wer der wahre Mörder seiner Tochter ist, Rache an besagter Kreatur nimmt. Ich war immer der Meinung, Rich wäre ein guter Vater geworden, hätte er sich entschieden, seinen Samen gewinnbringend zu verteilen." Er lächelt der Leiche zu, als könnte Rich ihn noch hören und hätte sich für das Kompliment bedankt. "Jetzt darf er nachträglich zumindest diese Rolle spielen."

Ich nicke, als hätte Mort etwas völlig Selbstredendes von sich gegeben, und sage: "Der echte Vater -"

"Hat Lia und Herrn Biron einander vorgestellt", fällt Mort mir ins Wort, mit sehr finaler Stimme, als erwarte er Einspruch meinerseits und wolle diesem vorbeugend Einhalt gebieten, "unter inakzeptablen Umständen, die Lias frühzeitigen Tod mehr als vorhersehbar gemacht haben. Ein paar unserer Kolleginnen und Kollegen haben diesem Herrn Oslowsky heute Vormittag einen Besuch abgestattet. Der echte Herr Oslowsky, was uns und den Rest der Welt betrifft, -" (Mort wischt etwas Staub von dem Ärmel seines Sakkos) "- liegt hier."

Ich schüttle den Kopf. "Rich hätte gleich den Auftrag ausführen können. Dann müssten wir die Aufzeichnungen nicht manipulieren."

"Wenn Rich so kompetent wäre wie du", erwidert Mort, "wäre heute vieles anders gewesen."

Ich zögere. Aber Mort scheint zu merken, dass ich noch etwas sagen will, und überlässt mir die Gelegenheit.

"Ich habe geglaubt, heute sei ich an der Reihe", gestehe ich schließlich, als die Stille zu lange gedauert hat.

Mort atmet hörbar ein und aus. "Du hast gehofft, heute seist du an der Reihe."

Das ist keine Frage gewesen. Also gebe ich auch keine Antwort.


Über diese Geschichte

Mort ist der Fremde, der nach kurzem Augenkontakt oder ein paar wenigen gewechselten Worten der Höflichkeit mehr über Sie zu wissen scheint, als Ihnen geheuer ist. Mort ist der Vorgesetzte, der sich viel zu sehr der Tatsache bewusst ist (und sich daran ergötzt), dass er Ihren Unterhalt zur Verfügung stellt und damit die Kontrolle über einen entscheidenden Aspekt Ihres Lebens innehat. Mort ist der mächtige Politiker, der mit einer knappen Anweisung Tod und Zerstörung walten lassen kann. Mort ist der stille Beobachter vor den Bildschirmen der Geheimdienste, die uns laut den Märchen und Religionen der Gegenwart - den Verschwörungstheorien - nie aus den Augen lassen. Mort ist der Datensammler und der Datenspeicher. Mort ist ein Boogeyman, der mit der Zeit geht.

Ich starte mit dieser möglicherweise unkonventionellen Horror-Story in einen glorreich unvorhersehbaren Oktober (aka All Hallows Month), weil sie sich in mancherlei Hinsicht als richtungsweisend für meine weitere schriftstellerische Entwicklung herausgestellt hat. Einerseits haben Mort und seine Kumpanen nicht nur in "Mort" ihre Finger im Spiel, andererseits habe ich beim Verfassen dieses Textes - noch mehr als beim ähnlichen "Brumm", zum Beispiel - sehr viel darüber gelernt, wie befriedigend es sein kann, manche Fragen unbeantwortet zu lassen. Zumindest ist es für mich sowohl als Autor als auch als Lesender ein befriedigendes Erlebnis, mitten in einer kritischen Szene einzusteigen und den Verlauf der Geschichte zu verlassen, bevor alle Stränge auseinandergewoben und wieder verknüpft sind. Die unwirklichsten, merkwürdigsten Handlungen - etwa bei King oder bei Lovecraft - erhalten dadurch ihren ganz eigenen, höchstgradig befremdlichen (und dadurch "horrenden") Realismus: Ein echter, endgültiger Abschluss, wie er aus manchen handelsüblichen Romanen bekannt ist, kommt in der "echten" Welt schließlich selten zustande, und gerade Horrorgeschichten scheinen das besser zu erkennen und umzusetzen als viele andere Genres.

Willkommen im All Hallows Month!

=|:-}