One Life Stand (2017)

03.03.2018

"Schnell!", drängt er zischend.

Schnell macht keinen Spaß, denke ich, und öffne trotzdem meine Gürtelschnalle.

Er hat mir die Hose runtergezogen, bevor ich überhaupt in Stimmung kommen kann, und hat mich im Mund, während seine Finger noch an meiner Unterhose zerren. Er ist nicht besonders gut bei dem, was er da tut, war er noch nie, aber wo die Liebe hinfällt, macht die Liebe Vergnügen, Skills hin oder her.

Ich weiß nicht, warum es mich immer wieder zu ihm zurückzieht. Also, ich habe so eine Ahnung - das mit der Liebe, wie schon erwähnt, wär's gewesen, nicht wahr? Andere wüssten es vielleicht genauer, aber andere wissen nicht, dass ich den Kerl überhaupt noch kenne, geschweige denn von Zeit zu Zeit treffe, also können andere mir zu dem Thema überhaupt nichts sagen.

Dabei hatten sie so viele tolle Tipps nach unserer Trennung. "Du brauchst einfach einen Lückenfüller", haben sie gemeint; aber ich habe damals mehr Lücken gefüllt, als ich für sinnvoll oder akzeptabel halte, und gebracht hat es mir nichts. "Du wirst dich irgendwann neu verlieben und dich dann wundern, dass du es mit ihm überhaupt ausgehalten hast", haben sie mir versichert; ich habe mich neu verliebt und mich während der gesamten Beziehung gewundert, dass ich es mit der blöden Kuh auch nur eine Stunde am Stück aushalte, aber wer verliebt ist, gibt sich Mühe, und scheiß' drauf, dass nichts funktioniert, scheiß' drauf, dass mit ihm damals alles funktioniert hat, scheiß' einfach drauf, nicht wahr? "Er hat dich sicher schon vergessen, wird Zeit, dass du ihn auch vergisst", haben sie gesagt über den jungen Mann mit der viel zu großen Nase, dem viel zu kurzen Hals und dem viel zu breiten Becken, der da vor mir kniet und mich mit seiner Zunge bearbeitet, als hinge sein Leben davon ab.

Durch die schmale Tür zur Besenkammer dringen die vergnügten Geräusche, die bei einer Party eben so entstehen. Eine echte Party ist es nicht, eigentlich, sondern eine Soiree, meine Güte, immer diese Soireen, etepetete, sind wir nicht wichtig und toll, fancy, fancy Fancypants. Die Geräusche klingen trotzdem wie das übliche sinnentleerte Geschnatter, das übliche betrunkene Gelächter, die übliche basslastige Musik, wie all das, was mir von jeder Homeparty bekannt erscheint und was mir seit meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr auf die Nerven, seit meinem sechsundzwanzigsten auf die Nieren, seit meinem siebenundzwanzigsten aufs Herz und seit meinem achtundzwanzigsten Lebensjahr auf alles andere geht, aber dabei bin ich trotzdem immer noch. Bei den Partys, weil ich wie alle anderen gerne so tue, als wäre ich viel jünger, als hätte ich noch keine Pflichten und Aufgaben und Verantwortungen, als wäre alles egal, Hauptsache, ich bin betrunken. Bei den Soireen, weil es von mir erwartet wird. Und weil ich da manchmal dem Kerl begegne, der gerade daran scheitert, mich zum Klimax zu befördern.

Ich schaue mich in der Besenkammer um und stelle fest, dass sie nur einen Besen beinhaltet, sonst vor allem Werkzeug wie Hämmer und Sägen, außerdem einen Staubsauger, einen Wischmopp, eine Schachtel, von der ich nicht weiß, ob was drin ist, und, aus welchem Grund auch immer, ein paar leere Bilderrahmen. Ist wohl mehr eine Abstellkammer als eine Besenkammer, oder eine Ramschzentrale, wie solche Räumlichkeiten bei uns im Büro heißen.

Kein Wunder, dass ich nicht komme, wenn ich mich von solchen Gedanken ablenken lasse. Ich konzentriere mich wieder auf den Mund, der sich da unten an mir zu schaffen macht, und versuche, mich auf ihn einzulassen. Sollte nicht schwer fallen: Mein Herz schlägt ja immer noch für den Menschen, dem dieser Mund gehört.

Oder?

Wir haben einander im Auslandssemester kennengelernt. Ich bin kein esoterisch veranlagter Mensch, aber im Stillen habe ich es damals für ein Zeichen gehalten, dass er und ich ursprünglich aus der gleichen Stadt kommen, gleichzeitig im gleichen Land Auslandssemester machen und uns auf den ersten Blick ineinander verliebt haben. Das ist the one, habe ich damals gedacht, muss er sein, sonst wäre das ja alles nicht so. Nachträglich weiß ich natürlich, dass wir uns wahrscheinlich nicht ineinander verliebt hätten, wären wir nicht zufällig gleichzeitig, gleichortig auf Auslandssemester gewesen: Isoliert von allem, was uns vertraut ist, haben wir uns mit Herz und Hirn auf diese unerwartete Ahnung von Zuhause gestürzt, als fürchteten wir, nie wieder dorthin zurückzukehren, und uns aneinandergebunden, ohne einen Gedanken an die überwältigende Wirkung von Kontingenz zu verschwenden. Meine Rückkehr vom Auslandssemester ins Ausland, um mein Studium, immer noch weit entfernt vom sogenannten Zuhause, zu beenden, erklärt vielleicht, wieso ich mich so viel enger an ihn geheftet habe, als er es umgekehrt getan hat: Er hat zurück nach Wien reisen, seine Freundinnen und Freunde, seine Familie, seinen Ex wiedersehen, hat gleich nach unserem kurzen, intensiven Techtelmechtel sein altbekanntes Leben fortführen können, und hat in seiner Welt nichts vermisst, das ich ihm hätte geben können. Verliebt ist er gewesen, behauptet er bis heute, und er hat sich nach mir gesehnt, hat er damals behauptet. Aber sicher nicht so wie ich, in meiner kleinen Wohnung in Deutschland, wo ich nur die falschen Leute gekannt habe. Und nur die falschen Methoden gewählt habe, um meine Zeit zu verschwenden. Eingesperrt in meiner Unabhängigkeit habe ich mich damals abhängiger gefühlt als jemals zuvor - abhängig von dem Mann, der ein Land weiter auf mich wartet, der mich geküsst hat, wie ich noch nie geküsst worden bin, der mir seine Liebe gestanden und versprochen hat, er würde warten, bis ich wieder da bin.

Gewartet hat er. Geküsst hat er mich auch wieder so. Und drei Jahre später hat er festgestellt, dass er eigentlich lieber single wäre.

"Okay", habe ich damals gesagt.

Meine Fresse, wer antwortet okay auf eine derartige Aussage? Auf einen derartigen Schlag ins Gesicht, in den Magen, in die Hoden?

Mit diesen Erinnerungen im Kopf komme ich sicher nicht in den meines ehemaligen Liebhabers. Ehemalig? Haha.

"Wie geht's deinem Freund?", höre ich mich fragen.

Für einen Moment scheint es so, als hätte er mich nicht gehört, oder würde mich zumindest ignorieren. Dann hält er inne, lässt von mir ab, schaut zu mir hoch. "Gut. Wie geht's deiner Freundin?"

"Sie hat Schluss gemacht."

"Sie?"

"Irgendetwas hat sie auf die Idee gebracht, dass ich sie nicht wirklich liebe."

Geistesabwesend, ganz automatisiert, streichelt er immer noch mein Glied, das in seiner Hand zu erschlaffen beginnt.

"Du hast auch kein Glück in der Liebe, was?", sagt er.

"Das kannst du laut sagen."

Er schießt mir einen derart komplexen Blick zu, dass ich mich kurz überfordert fühle. Habe ich ihn gerade verletzt? Ist dieses Wesen, das da kniet, doch fähig, sich verletzen zu lassen? Oder ist dieses Funkeln lediglich der leise Verdacht, ich könnte ihn gerade beleidigt haben, ohne Verständnis dafür, dass Beleidigungen gegen seine Person manchmal vielleicht gerechtfertigt sind? Oder ist es bloß Zorn, weil ich nicht so locker mit alledem umgehe wie er?

Er erhebt sich, ohne vorher meine Hose hochzuziehen. "Vielleicht sollten wir das hier abbrechen."

Ich weiß nicht, ob er das meint, was akut jetzt gerade passiert, oder die ganze Sache. Fragen will ich nicht. Ich zucke stattdessen mit den Schultern.

Er betrachtet mich eingängig. Sein Blick sagt mir nichts. "Ich weiß echt nicht, was ich an dir gefunden hab'."

Die Worte kommen unvermittelt. Für mich zumindest. Was auch immer ihn dazu motiviert hat, sie auszusprechen, ich bin nicht darauf vorbereitet gewesen, sie zu hören.

Irgendwie treffen sie mich dennoch nicht.

"Ich habe dir Aufmerksamkeit geschenkt." Meine Erwiderung kommt genauso unverhofft und unerwartet wie sein Statement. Die Worte verlassen mich von selbst, während ich mit offener Hose vor der Liebe meines Lebens stehe, mein Penis bereits fast zur Gänze erschlafft, aber immer noch ein wenig in seine Richtung geneigt. "Ich habe dir Zeit gewidmet und Geld für dich ausgegeben. Ich habe dich liebevoll behandelt und nicht nach dem ersten Geschlechtsverkehr das Interesse an dir verloren. Ich habe mich mit deiner Familie auseinandergesetzt und gut mit ihr verstanden. Ich bin für dich da gewesen, wenn du etwas gebraucht hast, und ich bin zu dir gekommen, wenn du mich sehen wolltest. Wenn du mich beleidigt oder verletzt hast, habe ich das hingenommen, weil ich dich genug geliebt habe, um dir zu verzeihen. Ich bin geduldig gewesen, wenn du die Geduld verloren hast, und habe es mir nicht anmerken lassen, wenn mir die Geduld ausgegangen ist. Ich bin, was du dir gewünscht hast, ohne zu wissen, dass du es dir wünschst. Das hast du an mir gefunden."

An dieser Stelle hätte ich mir die Hose wieder anziehen, den Gürtel so eng wie nur möglich schnallen sollen, hätte die Besenkammer verlassen, mich draußen ansaufen sollen mit dem Süßen, der vor eine Stunde derart offensichtliche Avancen gemacht hat. Stattdessen bin ich stehengeblieben, entblößt und gespannt, jetzt schon traurig wegen der Antwort, die ich gleich hören werde. Sofern ich eine zu hören bekomme. Vielleicht geht er auch einfach.

"Also hast du gemacht ..." Sein mitleidsloser Blick bohrt sich in mein Hirn, um dort für immer zu bleiben. "... was ein guter Partner eben macht. Und warst gut darin. Toll. Ich hab' all das auch versucht. Aber es gibt Gründe, warum ich für dich das alles nicht gekonnt hab'. Ich war jung und unerfahren und hab' mich in dich verliebt, das hab' ich an dir gefunden. Sonst nichts."

Er beugt sich hinunter, zieht mir die Hose hoch, kümmert sich um Knopf und Gürtel. Er klopft mir sanft auf den Schritt. Wie zum Abschied.

"Werd' erwachsen. Und pass' auf dich auf."

Als ich zehn Minuten später die Besenkammer verlasse, knutscht er an der Bar mit dem Süßen von vor einer Stunde rum.