Sterben für die Kunst: Rote Fragmente (2017)

26.10.2017


Ich schneide mich an deiner Oberfläche und schaue zu, wie das Blut nicht nach unten, sondern zur Seite fließt. Ich atme und warte darauf, dass du etwas sagst, aber du sprichst nicht. Du mimst den stummen Beobachter, während ich mich dir im Ganzen hingebe, die letzte noch blühende Rose in einem Garten, den niemand pflegt. Ich bin ein Reh, du der Reißzahn eines Wolfes.

Erwartungsvoll blickte ich hoch in die Gesichter der sechs Gäste, die es aus teils pragmatischen, teils unerklärlichen Gründen zu der Veranstaltung getrieben hatte. Einer war Leon, eine die Veranstalterin, einer ihr Freund. Die anderen hatten wohl nichts Besseres zu tun oder so.

Poeten, hatte mir ein sehr kluger Bekannter einst erklärt, waren die überflüssigsten Mitglieder jeder Gesellschaft. Das hätte schon Plato gewusst. Dieser Bekannte hatte die Schule nach eigener Aussage nur abgebrochen, weil die Lehrenden sein komplexes Wesen nicht zu begreifen imstande gewesen waren. Manchmal glaubte ich ihm. Manchmal würde ich ihm gerne die arrogante Fresse einschlagen, bis sein ohnehin bereits matschiges Hirn aus seinem Schädel hervorquoll.

Als ich mich erinnerte, wo ich war, schüttelte sich mein ganzer Körper, wie auf einen externen Befehl hin. Die Gedanken an das Innenleben meines Bekannten verschwanden ebenso wie die Verärgerung, die sie hervorgerufen hatten. Das hier war mein Job, ob mir das nun gefiel oder nicht.

Ich ließ den Blick ein letztes Mal über die teilnahmslose Menge schweifen (sofern man von einer Menge sprechen wollte), senkte den Kopf und las weiter. Verlor mich in meinen eigenen Worten. Atmete meine Zeilen, ließ mich von der giftigen Luft, die sie auf Papier eingefangen hatten, betören. Du schmeckst nach Tod, ging mir der letzte Satz über die Lippen, spuckte ich die vierte Silbe aus wie Samen, wie ich es geübt hatte.

Sah auf. Ausdruckslosen Mienen entgegen, die nicht begriffen hatten, dass es vorbei war.

"Danke", sagte ich, und es gab höflichen Applaus.

*

Ich war mit meinen Talenten geboren worden, auch wenn viele sicher leugnen würden, dass es sich um Talente handelte. Besagter Bekannter zum Beispiel. Er war in seiner Freizeit Filmemacher - Audiovisueller Künstler, nach seiner eigenen Beschreibung, also kannte er sich aus, versicherte er mir. Und er meinte, ich verschwendete meine Zeit. "Das kann man, oder man kann es nicht", hatte er mir, an seiner Zigarre ziehend, in einem kleinen Café am Stadtrand anvertraut, mit dem Nachsatz auf der Zunge, ich hätte es eindeutig nicht. Aber die Implikation war unausgesprochen geblieben.

In diesem Café genoss ich oft die Gesellschaft meiner engen Freundinnen und Freunde, nur manchmal war ich eben mit meinem Bekannten dort. Gerne begab ich mich auch allein dorthin, um auf der Terrasse, im Schatten der höchsten Eiche, der ich bisher begegnet war, ein paar Texte anzufangen, von denen jeder fünfte oder sechste später einen Abschluss fand. Schreibend vertrieb ich mir auch in Gegenwart des Bekannten gern die Zeit an einem der kleinen runden Tische, deren Platten aus mosaikartig angeordneten Steinen bestanden. Ihm zuzuhören war nichts, in das ich freiwillig meine Konzentration investierte.

"Siehst du, es ist gar nichts Persönliches", hatte er letztens gesagt, voller Wichtigkeit mit der Zigarre wedelnd, die überflüssige Fedora, die er in Italien erworben hatte, so geneigt, dass sie ein Auge beinahe zur Gänze verdeckte. "Schau, zum Beispiel - wir haben beide, ganz zufälligerweise, eine Geschichte über Nekrophilie gemacht. Mein Film - du hast ihn gesehen - ist eine melancholische Metapher für die Vergänglichkeit des Seins in all ihrer Vielschichtigkeit und für die Hoffnungslosigkeit unerfüllter Liebe. Dein Text, so blumig er erzählt sein mag - ist eben: eine Geschichte über Nekrophilie. Ein Mann hat Sex mit Leichen, und das ist schlimm und gruselig. Oder, in deinen Worten, ein Bild wie tausend Raben, verwes'ne Finger in den grauen Schnäbeln, wenn ich mich richtig entsinne." Sehr genau hatte er sich entsinnst, dafür, dass ihm der Text scheinbar nicht gefallen hatte. "Mein Gedächtnis funktioniert gut", hatte er erklärt, als ich so etwas in der Art angedeutet hatte, "muss es, da ich Künstler bin."

Ich wusste nicht, wieso ich mich an die Gespräche mit ihm so gut erinnerte. Auch, weil ich Künstler war? Aber ganz abgesehen davon wusste ich noch weniger, wieso mir seine Worte im trägen Kopf herumspukten, als ich - endlich wieder einmal allein - unter meiner Eiche saß und versuchte, etwas Neues zu verfassen. Die Füllfeder schwebte Millimeter über dem Papier, einsatzbereit, fast angriffslustig auf das Notizbuch gerichtet. Aber mir wollte nichts aus den Fingern fallen. So blumig er erzählt sein mag, dachte ich unentwegt, ganz zufälligerweise, wenn ich mich richtig entsinne.

Eine unbestimmte Übelkeit ergriff von mir Besitz, als ich den Stift endlich ans Papier setzte.

*

Der Alltag, diese räudige Bärin, liebte es, mich mit Klauen zu packen, meine Konzentration zu zerreißen wie einen Seidenfaden und mich in Höhlen zu zerren, aus denen es kein Entkommen gab. Das Schreiben brachte nur in Kombination mit der fast lyrischen Liebe meiner Mutter genug Geld ein, um zwischen mich und das Verhungern eine poröse Wand aus Butterbroten und Äpfeln zu schieben. Das Plasmaspenden gestattete die gelegentliche Packung Oreos. Aber um eine Küche zu haben, in der ich die Oreos verstauen und Wasser aus einem Hahn zapfen konnte, brauchte es mehr.

Bühne frei für die Freie Bühne. Das kleine Theater war ein Geheimtipp der Großstadt - und dementsprechend bekannt und beliebt bei allen Hipstern und Touristinnen und Touristen. Wie jedes andere Theater auch, brauchte die Bühne jemanden, der die Aufführungen bewarb, die Karten verkaufte, die Bücher führte, die Post entgegennahm und las, die Post verpackte und verschickte, das Telefon abhob, den Schauspielerinnen und Schauspielern Kaffee machte. Dieser Jemand war ich - und gerne, für wohlverdiente siebenhundert Euro im Monat. Jener Bekannte drängte mich oft dazu, eine Gehaltserhöhung zu verlangen, aber ich fühlte mich berechtigt, ihn zumindest in dieser Sache getrost zu ignorieren.

Meine Chefin wusste um meine künstlerischen Bestrebungen, aber sie und ich erhielten ein stillschweigendes Abkommen aufrecht, diese nicht mit meinem Dienst im Theater zu vermengen. Zumindest ging ich davon aus, dass sie in dieser Hinsicht derselben Meinung war wie ich und mich deshalb noch nie auf das Thema angesprochen hatte. Prosa und Poesie waren mit Theater und Drehbuch höchstens verwandt, das war schon meine Überzeugung gewesen, bevor ich für die Bühne zu arbeiten begonnen hatte, und meine Erfahrungen dort hatten diese Annahme bisher nur bestätigt.

Ich konnte den Vorführungen nicht viel abgewinnen. Nicht, weil die Stücke schlecht waren. Vielmehr, weil ich einfach kein Verständnis dafür hatte, was Stücke gut oder schlecht machte. Ich war wohl schlicht kein Fan der darstellenden Kunst.

"Du könntest sie besser machen", sagte Leon, mein Arbeitskollege, manchmal.

"Ich schaue, und schreibe dann, was ich sehe", hatte ich einmal geantwortet. "Ich schreibe nicht, um dann anzuschauen, was ich geschrieben habe."

Trotz meiner Abneigung gegen das Theater als Kunstform besuchte ich regelmäßig die abendlichen Veranstaltungen. Abgesehen davon, dass ich aus Prinzip von so gut wie allem Gebrauch machte, was für mich gratis war, stellten die Veranstaltungen eine ausgezeichnete Gelegenheit dar, Material für mein Werk zu sammeln. Wenn eine Schreibblockade mich zu überwältigen drohte, brauchte es nur einen samstäglichen Besuch der Freien Bühne, um sie im Keim zu ersticken.

*

Die Dame in der letzten Reihe wirkte gelangweilt. Ich hatte gleich geahnt, dass sie keine Wagnerianerin war. Wer sie dazu überredet hatte, trotzdem der Vorführung beizuwohnen, war mir ein Rätsel, denn sie war allein gekommen. Vielleicht hatte ihr jemand eine Karte geschenkt. Vielleicht war ihre Begleitung abgesprungen - vielleicht war ihr Gesicht deshalb zu dieser griesgrämigen Miene verzogen, während Tristan und Isolde auf der Bühne ihre Sehnsucht nach dem Wunderreich der Nacht bekundeten.

Höflich applaudierte die Dame mit dem Rest der Gesellschaft, als der Vorhang fiel. Als sie aufstand, fiel ihr Blick für eine Sekunde auf mich. Im aufflackernden Licht bemerkte ich die Abdrücke um ihre Augen. Möglicherweise erklärte das ihren Missmut während der Aufführung: Sie hatte ihre Brille vergessen und gar nichts sehen können.

Ihr rotes, altmodisch bauschiges Kleid war über dem Hintern zerknittert und war nicht lang genug, nicht einmal für ihre kurzen Beine. Der Saum hing über den Knöcheln einer Frau, die vorzeitig gealtert war und zu viel gearbeitet hatte in ihrem bisherigen Leben.

Sie hielt an der Tür neben mir inne, bevor sie den Saal verließ, als spürte sie meinen Blick.

"Gefällt dir die leicht?", fragte Leon, schelmisch grinsend.

"Ja", sagte ich tonlos.

*

Ich bin ein Reh, du der Reißzahn eines Wolfes. Mit gespitzten Ohren springe ich durch einen Wald, weg von dir. Du verfolgst mich. Nicht, weil du hungrig bist, sondern weil es Spaß macht. Und weil du vergessen hast, dass Rehe auch Zähne haben.

Wenn ich eine Geschichte beginne, weiß ich nie, wie sie enden wird. Es ist das der Grund, aus dem ich schreibe. Ich lerne jedes Mal Neues über die Welt. Und meistens über mich selbst.

Als ich in jener Nacht die Freie Bühne verlassen hatte, hatte ich gewusst, dass es wieder an der Zeit war, Neues zu erfahren. Und die Frau, die mir dabei helfen sollte, hatte sich praktischerweise entschieden, den Heimweg zu Fuß anzutreten. Und das genauso allein wie im Theater.

Mein Bekannter beklagte sich oft darüber, wie unnahbar meine Geschichten waren, unzugänglich für jeden, der kein verrückter Schriftsteller wie ich war. "Unrealistisch", hatte er neulich bekundet, maßlos betrunken und unangemessen wütend, als schriebe ich meine Texte mit der Absicht, ihn gezielt zu beleidigen. "Einfach unrealistisch. Was soll ich mir denn vorstellen, wenn ich diese Worte lese? Wie, frage ich dich, wie sollte ich herangehen, würde ich versuchen, sie zu verfilmen? Es geht nicht, mein Bester, es geht nicht, weil deine Texte nichts aussagen. Weil sie nicht - nun - realistisch sind. Sie scheitern an sich selbst, weil sie an der Realität scheitern, mein Freund."

Ich atme und warte darauf, dass du etwas sagst, aber du sprichst nicht.

Weil du nicht mehr atmest, dachte ich hinzu, und fragte mich, ob ich meine letzte Geschichte wirklich umschreiben sollte. Vielleicht hatte mein Bekannter recht und sie überließ zu viel der Fantasie.

Aber üblicherweise neigte ich dazu, Texte ruhen zu lassen, sobald ich sie zum ersten Mal als abgeschlossen erachtete. Und diese Theaterbesucherin reizte mich zu ganz neuen Thematiken. Sie war nicht schlank und straff und lieblich wie die letzte, die ich mit nach Hause genommen hatte, die mich zu jener lyrischen Romanze inspiriert hatte. Was jetzt auf meinem Bett lag, war ein anderer Text, ein ganz anderer.

Ich schob das Messer durch die weiche Oberfläche, bewegte es nach allen Seiten und sah zu, wie das Blut zu fließen begann. Ich überlegte, wie ich das Bild in Worte fassen würde, und schrieb im Kopf schon die neue Geschichte.

*

An meinem Lieblingsplatz in meinem Lieblingscafé schlug ich zum ersten Mal mein neues Notizbuch auf. Eine Idee hatte mich in der Nacht zuvor ergriffen, die zu verfolgen mich jede Faser meines Körpers zu drängen schien, für die jedes Blutkörperchen kochte und jedes Härchen sich regte wie in Antwort auf die zarte Berührung eines schönen, nackten Menschen.

Erwartungsvoll blickte hoch und wurde nicht enttäuscht. Mein Bekannter war pünktlich zu unserer Verabredung. Seine Hilfe hatte ich erbeten bei der neuen Geschichte.


Über diese Geschichte

Ich habe Menschen kennengelernt, die sich konsequent missverstanden fühlen. Manche davon sind Künstlerinnen und Künstler, aber bei denen wundert es mich nicht weiter. Viele Künstlerinnen und Künstler fühlen sich durch ihr Bedürfnis, verstanden zu werden, überhaupt erst angetrieben, und da Kunst nie abgeschlossen sein darf und kann - eine Eigenschaft, die sie mit Philosophie gemeinsam hat -, ist es wenig erstaunlich, dass einige ihrer Inkarnationen auf Verständnislosigkeit treffen. Viel interessanter - und gleichzeitig dezent abstoßend - finde ich Personen, die sich, heimlich oder zugegebenermaßen, für etwas derart Besonderes halten, dass sie davon ausgehen, alle, die ihre Sonderhaftigkeit nicht erkennen oder ihnen unangenehme Charaktereigenschaften zusprechen, müssen ganz einfach unfähig sein, sie zu verstehen. Die Ursache der Abneigung ihnen gegenüber könne ihrer Ansicht nach nicht darin begraben liegen, dass sie unangenehme Zeitgenossen sind oder über ein fragwürdiges Selbstbild verfügen. Ihre Genialität und Einzigartigkeit würden schlichtweg nicht anerkannt; so muss es sein, so wird es bleiben.

Die meisten solcher Menschen haben gar nichts Besonders zu bieten. Sie sind oft dumm und nur deshalb davon überzeugt, klüger als andere zu sein. Sie haben oft nichts Spezielles erlebt bisher und auch nichts weiter Spezielles vor, glauben aber, alles, was sie tun, ist per se speziell.

"Sterben für die Kunst" entstand, als ich mir Gedanken darüber gemacht habe, warum so viele Menschen sich so oft missverstanden fühlen, in welchen Fällen sie recht haben und in welchen nicht. "Rote Fragmente" war ein alternativer Titel, der letztendlich zum Untertitel wurde. Möglicherweise sind diese "Fragmente" die ersten einer Reihe. Möglicherweise nicht.

All Hallows Eve rückt näher.