Taubenfutter (2015/16)

16.11.2017

Als die Straßenbahn mit dem ihr ureigenen BIM BIM ihre Ankunft ankündigte, unterdrückte Tristan den Drang, sich zu übergeben. Warum das Geräusch in ihm immer noch Übelkeit auslöste, nach den beinahe drei Jahren, die er es schon fast täglich hörte, wusste er nicht. Er konnte nur vermuten, dass es etwas mit seiner Mutter zu tun hatte. Wenn er seiner Therapeutin glauben durfte, hatte alles in seinem Leben etwas mit seiner Mutter zu tun.

Tristan kniff die Augen zusammen, als die Bahn endlich zum Stillstand kam, und er öffnete sie erst wieder, als jemand ihn im Vorbeigehen anrempelte. Die blasse junge Frau blickte von dem Taschenbuch in ihrer Hand nicht einmal auf, von einer wie auch immer gearteten Entschuldigung ganz zu schweigen. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, sie vor die Straßenbahn zu werfen; dann fiel ihr ein, dass das Fahrzeug stillstand. Man konnte viel von Bediensteten in der Großstadt erwarten, aber dass die Bahnfahrerin eine Frau auf den Schienen einfach ignorieren würde, das wäre wohl zu viel des Guten. Oder dessen Gegenteils.

Auf den letzten freien Platz setzte sich ein kleines Kind. Tristan fiel der intensive Blick auf, mit dem die Greisin daneben den türkischen Jungen taxierte. Er seufzte, wandte sich von der Szene ab, und griff naserümpfend nach der gelben Stange neben der Tür. Heute wieder festhalten statt festsitzen. Es war ihm gleich. In der Straßenbahn widerte ihn alles an.

Ruckartig setzte sich der mechanische Wurm in Bewegung. Tristan überkam das gewohnte Gefühl, sich in einem Verdauungstrakt zu befinden. Er würde zwar lebendig an seiner Haltestelle ausgeschieden werden, aber heftig verarbeitet; vielleicht war er eigentlich noch im Magen, und die Straßenbahn würgte ihn hoch und spuckte ihn aus, wenn er angekommen war.

Tristan sah sich im Abteil um, auf der Suche nach etwas, das ihn ablenken würde. Sein Blick fiel auf eine Zeitung, die jemand auf dem Boden zurückgelassen hatte, um unter den Füßen der Passagiere zerstampft zu werden. Die Schlagzeilen waren die üblichen, die seit Wochen die ganze Stadt, das ganze Land, ja, vielleicht die ganze Welt zerrütteten. Menschen, die sich an Zügen festhielten, um von ihrer Heimat fortzukommen; Leichen, die in weißen Lastern neben der Autobahn gefunden wurden, übereinander getürmt wie nachlässig verpacktes zukünftiges Fleisch auf dem Weg zum Schlachter; Familien, die mit Hunderten anderen vor Regierungsgebäuden zelten mussten, weil niemand wusste, was mit ihnen zu tun war. Zwischendurch Neuigkeiten - oder der Mangel echter Neuigkeiten - über den Kaffeehausmörder, der hier in Tristans Bezirk seit Nächten sein Unwesen trieb: Niemand ließ sich von diesen Schnipseln lokaler Gefahr ablenken. Das war vielleicht gut so; denn auf sie folgten Berichte über Kinder, die vom Boot fielen und im Meer ertranken.

Als Tristan auf die Zeitung starrte, bemerkte er mit mildem Erstaunen, dass ihn all das nicht mehr interessierte. Er schüttelte den Kopf, wie um sich selbst zu tadeln. Aber das änderte nichts.

Er verließ die Bahn endlich, schwindelig und mit dem Gefühl, am ganzen Körper schmutzig zu sein. Das türkische Kind stieg bei derselben Haltestelle aus. Der Junge und Tristan erblickten die Schar Tauben im gleichen Moment. Während Tristan sich abwandte, stolperte der Junge beinahe über seine eigenen Schnürsenkel in seiner aufgeregten Hast, so dringlich schien sein Bedürfnis, die Vögel aufzuscheuchen.

Tristan wollte nach Hause. Nichts als nach Hause. Aber er hatte seinem Freund versprochen, Brot mitzunehmen. Das fiel ihm jetzt ein, nachdem er vorhin an drei Bäckern und zwei Lebensmittelläden vorbeigelaufen war. Vielleicht, weil er jetzt die Tauben gesehen hatte. Die Tauben erhaschten wahrscheinlich mehr Krümel als die Menschen, die sich solche Mühe gaben, aus ihrer Heimat zu fliehen. Der Gedanke rief ein Dröhnen in Tristans Kopf hervor, das ihm fast noch unangenehmer war als die Digestion in der Straßenbahn. Erneut schüttelte er den Kopf, aber diesmal ruckartig, unwillkürlich. Es half nicht.

Tristan kehrte im nächstbesten Laden ein und suchte den billigsten Laib Brot. Keiner passte wirklich in sein und Arnolds Budget; dieser nächstbeste Laden stellte sich, als er ihn mit dem zu teuren Brot verließ, als ein Backwarenhändler heraus, dessen Name ihn nur deshalb nicht sofort vor den Preisen im Inneren gewarnt hatte, weil sein Gehalt ihm regelmäßiges Einkaufen bei Ketten wie dieser nicht gestattete. Arnolds genauso wenig. Und Arnold konnte finanzielle Missgeschicke ganz und gar nicht leiden. Tristan würde ihn wieder einmal anlügen müssen.

Die beiden wohnten über einem Bistro, dem es nicht nur an Vorzügen, sondern dementsprechend auch an Besuchern mangelte. Sie kannten die Besitzerin und mochten sie, aber ihre beiden Köche konnten nicht kochen, ihre Kellnerin (ihre Tochter) und ihr Kellner (deren Freund) waren unfähige Jugendliche und mit dem Namen für das Lokal hatte sie so danebengegriffen, dass das Ausbleiben der Kundschaft Tristan nicht überraschte. VOLLER EIMER prangte in großen Lettern über dem Eingangstor, das auch zu dem Komplex führte, in dem Tristans und Arnolds Wohnung sich befand. Die Frau hatte ihnen erklärt, sie hätte damit zum Ausdruck bringen wollen, dass es bei ihnen immer etwas zu essen gab. Wie diese Assoziation zustande kommen sollte, wusste Tristan nicht, aber er hatte auch nie nachgefragt. Er aß gern die merkwürdig interpretierten österreichischen Standardgerichte, die in Kombination mit den Soßen und Cremen aus dem Heimatland der Frau erst ihre echten Schattenseiten zeigten.

Durch den offenen Eingang zum Eimer drang der Geruch heißen Fetts und vollgestopfter Aschenbecher in Tristans Nase. Er ging hastig und so leise wie möglich an der Tür vorbei; er hatte gerade keine Lust, zu reden, schon gar nicht mit dem idiotischen Freund der Tochter, der heute scheinbar allein hinter der Theke stand. Von den Angestellten war er als einziger in diesem Land geboren worden; trotzdem war er aber offenkundig auch der mit den meisten Schwierigkeiten im Gebrauch der deutschen Sprache.

Der Lift im Gebäude funktionierte nicht, also quälte Tristan sich die Treppe bis in den dritten Stock hoch. Das Brot schien ihn hinabzuziehen, als wöge es seinen Preis in Kilogramm. Er dachte an die Tauben an der Haltestelle und überlegte, ob sie teures Brot am Geschmack von billigem unterscheiden konnten. Und ob Menschen das überhaupt konnten. Ob Arnold es konnte.

Arnold war zuhause, wie immer um diese Uhrzeit. Er besuchte Vorlesungen ohne Anwesenheitspflicht nicht gerne. Die Luft in der Wohnung hatte etwas Süßliches an sich; Tristan ahnte, dass sein Freund seine Schicht heute Abend genauso wie die Lehrveranstaltung ausfallen lassen würde. Das war nicht gut. Immerhin hatte Tristan teures Brot gekauft.

In dem Moment, als er die Tür zur Küche aufschob, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Nicht, weil die Tür klemmte und laut am Boden kratzte - das tat sie, seit sie eingezogen waren. Sondern, weil Arnold still blieb. Es war seine Gewohnheit, "EINDRINGLING!" oder Derartiges zu rufen, wann immer Tristan nach Hause kam. Tristan war nicht besonders begeistert davon, aber er hatte begonnen, es zu ertragen. Das war seine Art, mit den meisten Dingen in dieser Stadt umzugehen.

Er legte das Brot am Küchentresen ab, vergewisserte sich, dass keine der Herdplatten aktiviert war (eine seiner schlechten Angewohnheiten), und ging in das Schlafzimmer.

Arnold schlief. Das erklärte sein Schweigen. Tristan wollte sich abwenden - sein Freund mochte es nicht, geweckt zu werden -, als ihm auffiel, dass aus dem Aschenbecher neben dem Bett noch feiner Qualm aufstieg. Seufzend schlich er zu dem Nachtkästchen.

Dann bemerkte er, dass etwas wirklich nicht stimmte.

Aus Arnolds Rachen kam nicht das übliche Schnarchen. Und auf seiner Brust lag nicht die Hand, die er während des Schlafs dort zu platzieren pflegte. Stattdessen befand sich dort ein Zettel, ein roter, an den Rändern eingerissener Zettel, als hätte Arnold ein Supermann-S für sein Shirt anfertigen wollen und nach den ersten zwei Schritten aufgehört.

ES TUT MIR LEID, stand in großen Blockbuchstaben darauf. Und: ICH KANn HIER jETzt DOCH NIChT MEhR LEBEN.

Ein hoher, ringender Ton erklang in Tristans Kopf, schien sich wie ein Luftballon aufzublasen und von innen gegen seinen Schädel zu drücken. Er konnte sich nicht bewegen. Er starrte seinen Freund an, seinen Freund mit dem offenstehenden Mund, den nur halbgeschlossenen Augen, den bläulichen Lippen. Das musste ein Scherz sein. Vor ein paar Stunden hatte er Tristan noch mit einem Kuss verabschiedet. Vor ein paar Stunden hatte er ihm gesagt, er solle Brot mitbringen. Vor ein paar Stunden hatte er gemeint, er würde Abendessen vom Eimer holen, weil er sich heute nicht so fühlte, als hätte er später Lust zu kochen. Er konnte jetzt nicht - es konnte nicht sein, dass -

Als Tristan das nächste Mal seiner Umgebung gewahr wurde, war es laut um ihn herum. Menschen in blauen Uniformen liefen an ihm vorbei, Telefone klingelten, irgendwo lachte eine Frau, und Papier schien aus jeder Richtung zu rascheln. Er saß auf einer harten Bank, hielt eine heiße Tasse umklammert. Sein Bein tat weh. Das dumpfe Pochen erinnerte ihn daran, dass er gegen die Bettkante gestürzt war, als er hatte versuchen wollen, Arnold zu wecken.

Arnold.

Bilder strömten auf ihn ein, die letzten Stunden im Schnelldurchlauf. Er wusste nicht, was ihn dazu befähigt hatte, Arnold zu schütteln, anzuschreien, dann aufzugeben; die Rettung zu rufen, den Aschenbecher zu leeren, das Schlafzimmer zu verlassen; zum Krankenhaus zu fahren und Fragen zu beantworten. Er selbst hatte bei alledem nicht wirklich die Finger im Spiel gehabt. Er erinnerte sich an alles, als hätte er es im Fernsehen gesehen.

Die Polizei hatte ihn abgeholt. Die Polizei, wegen weiterer, dringender Fragen. "Dringende Fragen?", hatte er - oder zumindest sein Mund - gesagt. Der fremde Mann hatte genickt.

Dringende Fragen. Alles war dringend in dieser Stadt. Alles war dringend, alle drängten, und trotzdem geschah nie etwas.

Fragen über Arnold; Fragen über seine Beziehung zu Arnold; über den Inhalt des Aschenbechers, den Tristan in den Müll geworfen hatte; über den Vollen Eimer und seine Angestellten - wieso über den Eimer? Tristan war sich nicht sicher. Tristan war sich keiner Sache mehr sicher.

Man hatte ihn gefragt, ob man jemanden für ihn anrufen sollte. Seine Eltern vielleicht.

"Das mach' ich später", hatte er gesagt.

Kurz darauf hatte man ihm erzählt, dass seine Eltern unterwegs waren, und Arnolds Mutter. Er hatte dazu geschwiegen.

Und jetzt saß er hier mit dem widerlichen Kaffee in den Händen. Die Polizistinnen und Polizisten warfen ihm Blicke zu und lächelten, wenn er hochsah. Überzeugend zu lächeln wurde an der Polizeischule scheinbar nicht unterrichtet.

Jemand nahm neben ihm Platz. Erst, als sie sprach, bemerkte er, dass es seine Mutter war.

"Oh, Tristan ..." Er hörte die Tränen in ihrer Stimme.

Tristan behielt die Augen auf seiner Tasse. Eine gelbe Straßenbahn war darauf abgebildet, schien auf ihn zuzufahren. Ihn schauderte.

Seine Mutter sagte sonst nichts. Sie wartete offenbar darauf, dass er etwas von sich gab. Von überall aus der Station schnappte Tristan seltsame Wörter auf, Satzfetzen, die alle nichts zu bedeuten schienen. "Freund" und "vergiftet", "Einwanderungsbehörde" und "unter der Wohnung", "bin nicht ich" und "Eimer", "blaue Lippen" und "Brot".

"Brot", hörte Tristan sich sagen.

"Was?" Seine Mutter schluchzte. "Was sagst du, Liebling?"

"Das Brot." Tristan merkte selbst, wie heiser er klang; als hätte er die letzten Stunden durchgehend geschrien, nicht fast nur geschwiegen. Beinahe musste er lachen. "Ich glaube, ich will es nicht. Er hat viel lieber Brot gegessen als ich." Tristan schüttelte den Kopf. "Ich glaube, ich geb' es den Tauben."

*

Tristan war wieder zu seiner Mutter gezogen, in eine Stadt, die nicht genug Einwohner zählte, um eine Straßenbahn wirklich gebrauchen zu können. Das Studium hatte er aufgeben müssen. Die Hauptstadt war nun nur noch eine in Stücke gerissene Geschichte in der Zeitung für ihn, wie die Zeltlager und die toten Kinder, die Leichenlaster und der endlich gefasste Kaffeehausmörder. Von der Besitzerin des Eimers hatte er einen Brief bekommen; sie hatte ihren Laden mittlerweile geschlossen. Den Kellner hatte man verhaftet, die Tochter war verschwunden. Geschichten aus einem Alltag, den Tristan nicht mehr kennen wollte.

Morgens, früh morgens, ging Tristan gern in die Innenstadt, um den Tauben dabei zuzusehen, wie sie die Steinplatten am Boden nach Frühstück absuchten. Er rauchte dabei, dachte an teures Brot und hörte seinen Eingeweiden dabei zu, wie sie selbst nach Frühstück zum Verdauen riefen.

Manchmal, ganz selten, weinte er.


Über diese Geschichte

Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Texts war Tristan noch Aurora, wenn ich mich richtig erinnere. Eine von zwei Geschichten, in denen eine meiner Figuren im Laufe der Erarbeitung ihr biologisches Geschlecht gewechselt hat. Ich weiß nicht mehr genau, wieso es bei Taubenfutter der Fall war. Überhaupt, weil ich damals bei der Gestaltänderung etwas entnervt gedacht habe: "Schon wieder ein Tristan?" (Wenn alles läuft, wie ich es mir wünsche, werden in Zukunft noch viele weitere meiner Tristans den Weg an die Öffentlichkeit finden; Aurora hat seit dieser ersten, die es nun doch nicht gibt, keine mehr meinen Schreibweg gekreuzt.)

Taubenfutter ist eine Erzählung, die mir sehr nahegeht und viel bedeutet. Auch hier: Warum, weiß ich nicht genau. Der Text ist in seiner rohesten Fassung entstanden, bevor ich selbst in die Stadt des BIM BIMs gezogen bin, und ich glaube, dass ich in ihm einige meiner Ängste vor der Großstadt in enorm verschobener (und verschrobener) Weise verarbeitet habe. Das in meinen Augen Lustigste am Text ist allerdings, dass er im Herzen nichts anderes als ein (mehr oder weniger) gut getarnter Krimi ist, ein Rätselspiel für die mit zu viel Zeit und zu großem Interesse an meinen Worten. Die Story eines Selbstmordes erzählt Taubenfutter nämlich jedenfalls nicht, egal, wie sehr die oberflächlichste Ebene der Geschichte einen Lesenden das glauben machen will.

Viel Spaß beim Rätselraten, wer auch immer Lust hat!