Traust du dich? (2016)

12.10.2017

"Traust du dich, die Augen zu öffnen?"

Diese Worte flüstert Nacht für Nacht jemand in mein Ohr. Zumindest glaube ich, dass es so ist. Ich höre die Worte und wache auf. Ich weiß nie, wie spät es ist. Ich merke nur, dass es noch dunkel ist - nicht der Anflug einer Dämmerung dringt durch meine Lider. Und ich weigere mich, die Augen zu öffnen. Ich habe Angst, dass ich mir die Stimme nicht einbilde.

"Traust du dich, die Augen zu öffnen?"

Ich lebe allein, seit mein Mann verstorben ist. Als ich zum ersten Mal von dem Flüstern geweckt worden bin, habe ich für einen Augenblick geglaubt, er läge neben mir. Der Fabrikunfall ist für einen glorreichen Moment völlig vergessen gewesen. Ich habe gelächelt, das weiß ich noch, und ich habe ihm antworten wollen - als die Erinnerung zurückgekehrt ist. Da bin ich erstarrt, habe die Augen geschlossen gehalten, und gewartet. Die Stimme ist still geblieben. In der Vermutung - und Hoffnung -, ich hätte bloß einen merkwürdigen Traum gehabt, habe ich die Sache verdrängt und weitergeschlafen.

Dann ist es wieder und wieder passiert.

"Traust du dich, die Augen zu öffnen?"

Wenn es bei der Stimme geblieben wäre, hätte ich vielleicht einen Arzt aufgesucht. Die Art Arzt, die für Verrückte zuständig ist. Man hätte mir wohl Schlaftabletten verschrieben oder irgendwelche Tropfen. Vielleicht hätte das geholfen.

Aber ich bin nicht verrückt. Und ich möchte nicht, dass jemand glaubt, ich sei verrückt. Deswegen habe ich niemandem von der Stimme erzählt.

Oder davon, welche Dinge mir tagsüber widerfahren.

Kleinigkeiten sind es meistens. Ich stelle eine Tasse an der einen Stelle ab und wenn ich in den Raum zurückkehre, steht sie auf einem anderen Tisch; oder sie ist, wenn ich sie zuvor geleert habe, umgedreht worden, Öffnung nach unten. Ich weiß, dass ich allein bin, aber sehe eine flinke Bewegung aus dem Augenwinkel; wenn ich hinblicke, ist da nichts - aber seit geraumer Zeit schaue ich nicht mehr hin: Was, wenn da doch jemand steht? Oder ich bin allein und höre, zwar nicht die Stimme, aber ein leises, fiependes Lachen; oder ein Geräusch, das wie das Grunzen eines Schweines klingt; oder ein Krachen aus dem Zimmer nebenan, ein Poltern, als würde etwas Schweres auf den Boden fallen - Ziegel oder (ich zittere immer bei dem Gedanken) Metallstangen wie die, die meinen Mann erschlagen haben. Ich gehe nachsehen und da ist nichts. Ich gehe nicht nachsehen - und ich höre das Lachen ...

Seit Wochen schon lasse ich im Haus einige Lichter an, wenn ich zu Bett gehe. Ich weiß nicht, was das nützen soll: Ich bräuchte sie erst, wenn ich die Stimme höre, aber dann bringt mir Licht nichts, weil ich die Augen nur noch fester zusammenkneife. Aber es wirkt beruhigend auf mich, zu wissen, dass ich etwas sehen könnte, würde ich wollen.

Nur ... was, wenn ich tatsächlich nachts das Grunzen oder das Krachen vom Flur höre? Würde ich nachsehen gehen? Ich will es nicht herausfinden.

Vor wenigen Tagen habe ich in der Zeitung von Einbrüchen gelesen, die in der Umgebung stattgefunden haben. Vielleicht ist es das, vielleicht versucht jemand, mich zu bestehlen. Oder die Diebe sind in mein Haus eingedrungen und haben hier einen Unterschlupf eingerichtet. Vielleicht sind sie, was ich höre. Vielleicht wollen sie mich vertreiben. Ich schäme mich fast dafür, dass mich die Vorstellung erleichtert. Aber wenn ich den Spekulationen darüber, was es sonst sein könnte, verfalle, drohen mich meine Gedanken in den Wahnsinn zu treiben.

Es ist heute genau ein Jahr her, seit mein Mann verstorben ist. Ich stelle die Einkaufstaschen ab, um die Tür aufzusperren. Wie immer, seit das Flüstern begonnen hat, zittere ich, als ich den Schlüssel ins Loch stecke. Das Bisschen an Sicherheit, das ich empfinde, wenn ich außer Haus bin, fällt sofort ab, als ich die Tür hinter mir schließe. Tatsächlich denke ich darüber nach, die Taschen einfach stehen zu lassen und wegzulaufen, die Eier und die Milch verfaulen zu lassen, während ich die Nacht bei Liana und Michael oder bei Erika verbringe. Aber ich müsste ihnen erklären, wieso ich nicht zuhause schlafen möchte. Und der Grund dafür ist keiner, über den ich sprechen kann. Sie würden mich einliefern lassen, wenn ich von dem Flüstern und dem Lachen und den Tassen erzähle.

Die Sonne ist im Begriff, unterzugehen. Nachdem ich den Einkauf verstaut und den Tisch im Wohnzimmer gewischt habe, schalte ich die Lichter in den Gängen, im Badezimmer und im Schlafzimmer ein. Ich setze mich ins Wohnzimmer, nehme ein Buch zur Hand - und warte.

Warte, bis ich zu müde werde, um hier zu sitzen und so zu tun, als würde ich lesen.

Sei nicht lächerlich, sage ich mir selbst, als es soweit ist. Geh' ins Bett. Du bist eine erwachsene Frau. Was würde dein Mann sagen.

Meine Beine tragen mich Richtung Schlafzimmer, bevor ich soweit bin. Ich lasse meinen Blick ein letztes Mal durch den Raum schweifen. Da ist nichts. Nichts und niemand. Unter dem Bett nicht - ich habe wirklich nachgesehen - und im Schrank auch nicht.

Ich schließe die Augen. Merke, dass ich vielleicht sogar einschlafen werde.

"Traust du dich, die Augen zu öffnen?"

Die Stimme reißt mich aus einem Traum, an den ich mich augenblicklich nicht mehr erinnere. Beinahe fange ich an, zu weinen.

"Traust du dich, die Augen zu öffnen?"

Nein, möchte ich antworten, nein, geh weg. Aber ich traue mich nicht einmal das. Was, wenn die Stimme antwortet?

Da steht jemand neben mir, ich weiß es. Ich kann mir diese Worte nicht einbilden. Sie kommen von außerhalb, von neben meinem Ohr.

Und was, wenn es doch mein Mann ist? Was, wenn er zurückgekommen ist? Was, wenn er herausgefunden hat, dass ich ihm den Tod gewünscht habe an dem Tag, an dem der Tod ihn auch wirklich gefunden hat?

Aber ich habe es doch nicht ernst gemeint, sage ich beinahe. Natürlich sage ich nichts, denn niemand würde mich hören. Da ist nichts, da ist niemand ...

"Traust du dich, die Augen zu öffnen?"

"Nein", antworte ich. Ganz leise. "Nein. Geh weg."

Stille. Ich warte.

Das ist das erste Mal gewesen, dass ich den Mund tatsächlich geöffnet habe. Vielleicht ist das notwendig gewesen. Möglicherweise hat die flüsternde Stimme nur darauf gewartet, dass ich ihr antworte. Zehn Sekunden vergehen, zwanzig, dreißig, dann eine Minute, und es herrscht Ruhe im Zimmer. Meistens kehrt die Stimme erst wieder zurück, wenn ich schon fast wieder in den Schlaf gesunken bin. Ich merke, dass mir Tränen in den Augen stehen, ein Krampf meine Beine befällt. Meine Finger bohren sich unter der Decke in die Matratze. Oh Gott, ich habe doch nicht wirklich gewollt, dass mein Mann stirbt. Ich will ihn wieder neben mir haben, hier, jetzt. Er würde die Stimme anschreien, bis sie verschwindet. Er hätte keine Angst. Er wüsste, was zu tun ist.

Ich bin mir unsicher, ob dieses Schweigen, das Warten auf die Rückkehr des Flüsterns, nicht noch schlimmer ist als das Flüstern selbst. Ich ahne, dass das, was auch immer mich Nacht für Nacht heimsucht, immer noch hier ist. Ich bin überzeugt davon, dass etwas oder jemand neben dem Bett steht. Fast ist es so, als würden sich seine Konturen auf meinen geschlossenen Lidern abzeichnen.

Niemals werde ich die Augen öffnen. Das nächste Mal, wenn ich das Flüstern höre, werde ich das Messer ergreifen, das ich zwischen meiner Matratze und der meines Mannes versteckt habe, blind damit auf das Flüstern einstechen. Dann wird es vorbei sein. Dann werde ich endlich wieder Ruhe haben.

"Traust du dich -?"

Ich öffne die Augen.

Es ist über mich gebeugt. Es hat kein Gesicht.

Ich schreie.


Über diese Geschichte

Schuldgefühle. Ein Horror des Alltags. Ein Monster, das kein Gesicht zu tragen scheint: Wenn es jemanden lange genug verfolgt, wird es zur selbständigen Instanz. Die Gewissensbisse hören auf, mit dem zu tun zu haben, das die empfundene Schuld verursacht hat. Für eine bestimmte Art von Mensch ist "das Schuldgefühl" ein Dauerzustand, eine unüberwindbare, oft unbegründete Last.

Der Kampf mit dem Schuldgefühl - ich sage absichtlich nicht Schuldbewusstsein - etabliert die Handlung dieser Geschichte über Gespenster und nächtlichen Spuk. Die Hauptfigur hält sich für veranwortlich für Umstände, die rational schlichtweg nicht ihrer Verantwortung zugeschrieben werden können. Sie zerbricht an den Vorwürfen, die sie sich selbst macht - zerbricht endgültig, als sie es wagt, ihnen ins (nicht vorhandene) Gesicht zu blicken.

Trauen Sie sich, die Augen zu öffnen?