Über Poesie

24.08.2017

Ich war nicht immer ein Fan von Poesie. Vor kurzem habe ich erkannt, dass dies an einem Mangel meinerseits lag. Was mir fehlte, war weniger eine Fähigkeit oder ein Vermögen - vielmehr hatte ich noch keinen richtigen persönlichen Zugang zu Poesie gefunden. Und wenn die Art von Poesie, die mir zusagt - sogar die abstrakteste Poesie, die mir gefällt -, irgendetwas ist, dann ist sie persönlich.

Das Erzählerische ist mein Milieu. Lesend und schreibend - und, mit im Alter wachsender statt abnehmender Intensität, im realen Alltag - verliere ich mich im Prosaischen und Epischen wie in einem Rätsel, dessen Lösung sich mir stetig mehr entzieht, je näher ich ihr zu kommen scheine. Poesie, im Gegensatz dazu - so glaubte ich bisher -, ist entweder viel direkter und unmittelbarer, und damit weniger spannend; oder aber viel undeutlicher und symbolträchtiger, und damit entweder den intendierten Empfangenden absichtlich unzugänglich gemacht (ein künstlerischer Widerspruch in sich) oder den Verfassenden selbst eigentlich nicht greifbar. Damit wusste ich nichts anzufangen.

Mittlerweile betrachte ich Poesie deshalb als interessant, weil sie tatsächlich beides zu sein scheint: Direkter als Prosa und abgeleiteter als Prosa; unvermittelter als Prosa und verschlüsselter als Prosa; unabhängiger von Symbolen und Metaphern als Prosa - und inhärent symbolischer und metaphorischer als Prosa. Mit Poesie lassen sich die privatesten Angelegenheiten preisgeben, ohne sie preiszugeben. Dichtung verdichtet Umstände; in den Fingern einer geschickten Dichterin, eines geschickten Dichters tut sie das so, dass die sehr spezifische Aussage, die losgeworden wird, im Gedicht in einer Form erscheint, die das Spezifikum nicht mehr braucht, um verstanden, interpretiert und nachempfunden zu werden. Poesie ist Verwandlung. Nahezu wörtlich.

Ich dichte üblicherweise auf Englisch. Stellvertretend für meine Dichtung folgt nun eine Übersetzung (ich würde ja "interpretierende Übersetzung" schreiben, aber das wäre tautologisch) eines meiner Gedichte.

Auszuruh'n bringt kein Vergnügen:
Ein Gott will sündhaft sich verschwenden.
Ich leck' das Leben aus der Haut; such' eines,
um das Suchen zu beenden.

Mehr Poesie von mir, ebenso wie mehr theoretische Auseinandersetzung mit ihrer Funktion und ihrer Magie, gibt es auf meinem Instagram-Account - begleitet von Bildern, die die Gedichte inspiriert haben oder illustrieren (oder beides).