Urlaub für die Nerven (2017)

26.08.2017

Im Nebenzimmer brüllt der neue Junge. Irgendetwas Unverständliches, wahrscheinlich gar kein Wort. Wallendes, walkürenhaftes Gekreische, der höchste Ausdruck reiner Pein für junge Burschen. Ich habe ihn nur kurz gesehen, als er angekommen ist, ein dicker Knabe, vierzehn, hat mir die Frau Doktor verraten, aber er sieht aus wie zwanzig, so groß und fett ist er. Ich hab' mit vierzehn auch älter ausgesehen, aber der Typ ist extrem, aber der ist auch noch gestörter als ich. Und egal, was man sagen darf oder nicht, was man denken soll oder nicht, egal, wie schlimm Vorurteile sind, blah, blah: Es stimmt, dass man es Menschen ansieht, wenn sie gestört sind. Das wirkt sich auf das Gesicht aus, und auf die Haltung, und auf die Art, wie die Person redet, und auf die Haut und die Haare wahrscheinlich auch. Bei mir sind's die Hände, glaube ich. Wenn es sowas gibt, habe ich Platthände. Wer meine Hände sieht, weiß, dass ich verrückt bin.

Ich bin zum zweiten Mal hier. Beim ersten Mal durfte ich schnell wieder raus, das war nur eine Voruntersuchung, quasi. Wusste ja keiner, was jetzt Pubertät ist und was Psycho. Hat man mich halt gehen lassen, Therapie, Therapie, Matura. Bis zu der bin ich nicht gekommen. Das mit der Therapie ist so eine Sache, und das mit der Matura nochmal eine ganz andere, und so bin ich ein halbes Jahr später schon wieder hier, und jetzt schon seit über einer Woche. Fad wird's eh nicht, zumindest nicht im klassischen Sinn. Aber das letzte, was ich im Philosophieunterricht gelernt habe, war das mit der existentiellen Langeweile, und jetzt versteh' ich, was damit gemeint ist.

Kurz war es still im Nebenzimmer, aber das fällt mir erst auf, als der neue Junge schon wieder zu schreien beginnt. Nasseres Geschrei diesmal, er weint, der dicke Junge, weint so sehr, dass man es nicht nur in seiner Stimme hört, ich kann sogar seine Tränen schmecken, als wären es meine, aber ich hab' schon lange nicht mehr geweint, damit hab' ich aufgehört, weil es nichts bringt. Das stimmt gar nicht, also, dass ich deswegen aufgehört hab' damit, dass es nichts bringt, ist natürlich wahr. Aber aufgehört hab' ich, weil keine Tränen mehr kommen, weil ich auch gar nicht wirklich traurig bin, sondern eben gelangweilt. So existentiell halt.

Christina, die Aufsicht, scheint die Geduld zu verlieren, ich kann sie jetzt trotz der Schreie des neuen Jungen und trotz der dicken Wand zwischen meinem und seinem Zimmer hören, sie hebt die Stimme, um ihn zu beruhigen, was ja gar nicht funktionieren kann, schlecht ausgebildet oder schlechter Tag oder schlechte Nerven, man weiß es nicht. Wenn sie schlechte Nerven hat, ist sie hier eh genau richtig, deswegen sind der dicke Junge und Anna und ich ja auch hier. Anna war schon hier, als ich das erste Mal hier war, aber sie war in der Zwischenzeit nicht lang draußen, hab' ich eigentlich ganz lustig gefunden, als ich ankam und sie mich begrüßt hat, als hätte sie damit gerechnet, dass ich zurückkehren werde. Ich hab' sie gestern gefragt, wie sie es hier so lange aushält. "Sieh's so", hat sie geantwortet, "sieh's einfach so, eigentlich, wenn man's genau nimmt, also, wenn wir uns mal ehrlich sind, dann ist das hier ja eigentlich Urlaub, für den wir nichts zahl'n. Urlaub für die Nerven." So will ich das jetzt auch betrachten. Aber im Grunde fühlt es sich gar nicht wie Urlaub an. Und meine Nerven entspannen sich auch nicht unbedingt. Aber morgen hab' ich ja wieder ein Gespräch mit dem Herrn Doktor, vielleicht bringt das was, vielleicht wird alles dann mehr wie Urlaub, wenn ich erstmal über das gesprochen hab', was mich so beschäftigt. Wobei ich ja gar nicht weiß, was mich eigentlich beschäftigt. Nichts, im Grunde. Das macht die Sache ja so langweilig. Deswegen bin ich ja hier.

Es ist schon fast zehn, um zehn ist Nachtruhe, da darf niemand mehr das Zimmer verlassen. Ich will eigentlich noch eine rauchen, aber man kriegt hier nur acht Zigaretten am Tag, ich hab' die Schachtel bei meiner Ankunft abgeben müssen, genauso wie mein Handy und all mein anderes Zeug, und ich muss zur Aufsicht und sagen "Darf ich bitte eine von meinen Zigaretten haben, die ich von meinem eigenen Geld gekauft hab', damit ich sie bitte rauchen darf?" und achtmal am Tag gibt mir die Aufsicht dann eine und öfter nicht. Acht, was ist das eigentlich für eine blöde Zahl, hat leicht irgendeine Studie erwiesen, dass genau acht Zigaretten den Tagesbedarf eines Standardsüchtlers decken, oder dass im Gegenteil acht genau die richtige Anzahl an Zigaretten ist, um einen Süchtigen gemächlich von seiner Abhängigkeit zu befreien? Na jedenfalls hatte ich heute erst sieben, und theoretisch steht mir eine achte zu, aber die muss ich dann schnell rauchen, weil in ein paar Minuten muss ich in meinem Zimmer sein und darf nicht mehr raus, und Christina schickt mich nach dem Rauchen sicher nochmal Zähneputzen, also hab' ich überhaupt wenig Zeit. Christina sollte sich mal selbst die Zähne putzen, finde ich, die hat extrem schirche Zähne. Der Sekundenzeiger auf der Uhr wandert weiter und jetzt ist es genau acht vor zehn, acht, na wenn das mal kein Zeichen ist.

Ich bleibe ein bisschen abseits von der Tür zum Nachbarzimmer stehen, weil die ist offen und ich kann den dicken Jungen jetzt noch lauter brüllen hören, und ich will nicht unbedingt, dass er sich beobachtet fühlt, vielleicht attackiert er mich, wenn er bemerkt, dass ich bemerke, was in seinem Zimmer vor sich geht. Aber wenn ich eine Zigarette haben will, werde ich Christinas und seine Auseinandersetzung wohl oder übel unterbrechen müssen.

"Christina", rufe ich in das Zimmer, "ich würd' gern noch eine rauchen."

Christina tritt tatsächlich aus dem Zimmer heraus, in dem der dicke Junge immer noch schreit und weint, lässt aber die Tür offen. Ihr früh gealtertes Gesicht stiert streng und ungeduldig auf mich herab, und ihre schirchen Zähne entblößen sich in der Karikatur eines Lächelns.

"Dafür ist es ein bissi zu spät, meinst du nicht?", sagt sie.

"Nein, meine ich nicht", antworte ich. "Ich werd' nicht schlafen können, wenn ich nicht noch eine rauch'."

"Und findest du das gut?", fragt Christina. Hinter ihr schlägt das Geschrei in bemitleidenswertes Gewinsel um. "Das ist Sucht. Und hat der Herr Doktor dir nicht beigebracht, dass du mit dem Nikotin eigentlich andere Bedürfnisse zu befriedigen versuchst, einen Ersatz für das willst, wonach du dich in Wirklichkeit sehnst?"

"Das hat er gesagt, ja", gebe ich zu, "aber das ändert nichts daran, dass ich jetzt eine rauchen will und nicht werde schlafen können, wenn ich keine rauch'."

Christina wirft einen Blick über die Schulter, vielleicht schauen, was der dicke Junge macht, vielleicht nicht, und sagt dann: "Aber das ist nicht gut."

Ich frage mich, ob ihr bewusst ist, was sie für einen Scheiß redet. Wenn irgendetwas gut wäre, wäre ich nicht hier. Aber das sage ich nicht zu ihr, sie will mir ja nur helfen, wahrscheinlich, angeblich, und ich bin ja hier zu meiner Heilung, bin ja hier für den Urlaub für meine Nerven, und deswegen sage ich stattdessen: "Stimmt."

Sie versteht mich falsch, glaubt, ich habe mich geschlagen gegeben, und eilt zurück zu meinem fetten Nachbarn. Als ich sie nicht aufhalte, begreife ich, dass sie mich nicht falsch verstanden hat.