Verliebt (2015)

29.06.2017

Ich sah sie zum ersten Mal an dem Tag, an dem ihre Tochter verschwand. Sie kam nur in den Laden, um Batterien zu besorgen. Sie fiel mir gleich auf; sie lief mit diesem eleganten, aufrechten Gang, den ich an Frauen besonders liebe. Ich beobachtete ihren Weg über die Bildschirme, vorbei am Obst, am Gebäck, an den Süßigkeiten, bis zur Kassa, den Kinderwagen geschickt vor sich her schiebend, ohne die Regale zu streifen.

Den Kinderwagen stellte sie zwischen dem Regal mit den Batterien und der Kassa ab; in dem Bereich, ab dem die Überwachungskameras nicht mehr filmen. Das Mädchen war auf dem Bildschirm nicht sichtbar.

Ich sah sie die Suche nach den richtigen Batterien beginnen; eine solche dauert immer eine Weile, unsere Auswahl ist groß.

Ich sah sie nach dem Kinderwagen greifen.

Sah, wie sie den Kopf wild nach allen Seiten drehte.

Und sah sie ihren Mund aufreißen, zum Ruf, zum Schrei, zum wilden Geheul.

Mir war klar, dass die Filialleiterin sie zu mir bringen würde, und ich versuchte, mich darauf vorzubereiten. Meine Beine begannen trotzdem, zu zittern, als die Tür aufging. Spätestens dann wusste ich, dass ich mich verliebt hatte.

Es kann auf der Welt keine schönere Frau geben. Nahe und echt kamen ihre rosigen Wangen noch stärker zur Geltung als über den Bildschirm, schien ihr blondes Haar noch glänzender, versprach ihre Statur noch mehr Spaß im Bett. Sie weinte, was ihr stand, mehr als anderen Frauen.

Ob ich gesehen hätte, was mit ihrer Tochter passiert war, fragte mich die Filialleiterin.

Ich zeigte ihnen die Aufnahmen. Die junge Mutter schob den Kinderwagen aus der Reichweite der Kamera. Etwa eine Minute verstrich. Die Frau auf dem Bildschirm geriet in Panik: Das Mädchen war verschwunden, das Video verriet nichts.

*

Der Polizeieinsatz galt bis zu dem Anschlag vor vier Wochen national als der größte des Jahrzehnts. Meine Kameras waren keine Unterstützung: Niemand, der zu dem Zeitpunkt im gefilmten Teil des Ladens war, kam als Verdächtiger infrage. Der Entführer hatte es hinein und hinaus geschafft, ohne aufgezeichnet zu werden. Trotzdem tat ich mein Bestes. Die enge Zusammenarbeit mit der Polizei hatte nämlich einen Vorteil: Ich konnte meiner großen Liebe wieder und wieder begegnen. Es tat weh, sie leiden zu sehen, aber ... wenigstens sah ich sie.

Ich versuche oft, das Gefühl, das sie in mir auslöste, wenn sie mir gegenüberstand, durch meine Erinnerung an sie wachzurufen. Aber es ist nicht dasselbe. Wenn sie tatsächlich zum Greifen nah war, konnte mein Herz sich nicht entscheiden, ob es schneller schlagen oder stehenbleiben sollte. Meine Knie schienen zu schmelzen, mein Kopf arbeitete langsamer. Und ich musste mich zusammenreißen, um mir nicht in die Hose zu pissen.

Von Zeit zu Zeit schaffte ich es, einige Worte mit ihr zu wechseln. Sie heißt Mara, sie ist nicht viel jünger als ich. Der Kindesvater hatte vor der Geburt die Familie verlassen.

Die meiste Zeit beobachtete ich sie nur über die Kameras. Sie kam häufig in den Laden zurück. Seit damals hatte sie keine Batterien mehr mitgenommen; scheinbar hatte sie aufgehört, das Gerät zu benutzen, für das sie sie gebraucht hatte. Meistens kaufte sie gar nichts: Sie hastete durch die Gänge, zeigte Bilder ihrer Tochter her, beobachtete die Kunden mit scharfem Blick, als hoffte sie, den Entführer intuitiv zu erkennen.

Durch meine Arbeit als Sicherheitsarbeiter habe ich einiges über Menschen gelernt. Wenn Mara nun ihre Fotos herzeigte, erkannte ich an den Reaktionen, dass die Entführung die meisten nicht interessierte. Ein paar schreckten weg wie von Bettlern auf den Straßen, als vermuteten sie hinter Maras Flehen einen Schwindel. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, wenn ich das sah: Wie konnten sie Mara so abschätzig behandeln? Ihre Schmerzen leugnen? Was an ihren feuchten Augen, ihren bebenden Fingern, ihren jetzt oft ungepflegten Haaren wirkte unaufrichtig?

Ich liebte sie sogar in diesem zerrütteten Zustand. Vielleicht sogar ein bisschen mehr. Wer so vermissen, sich so sorgen kann, muss ein so großes Herz haben, dass vielleicht sogar für ein einfaches Mitglied des Security-Teams vom Supermarkt Platz darin war. Aber sie um ein persönliches Treffen zu bitten, das traute ich mich nicht. Ich dachte oft darüber nach, wie ich vorgehen, was ich sagen würde. Welche Körperhaltung ich einnehmen würde. Für Letzteres fiel mir einiges ein: Ich habe häufig Gelegenheit, Männer beim Flirten zu beobachten - man soll gar nicht glauben, was in einem Supermarkt alles passiert. Ich weiß, wie jene, die erfolgreich in ihren romantischen Bestrebungen sind, stehen und sich bewegen. Aber ich höre durch meine Bildschirme nichts. Und selbständig konnte ich mit Worten noch nie gut umgehen, wenn es darum ging, mit Menschen zu sprechen.

Natürlich hatte ich anfangs einen perfekten Plan gehabt; damals, als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte. Aber dann war die Sache mit ihrer Tochter passiert.

Die Polizei schien den Fall zu den Akten gelegt zu haben: Seit Monaten meldete sich niemand mehr bei mir wegen des verschwundenen Mädchens.

Maras letztes Auftauchen im Laden war Wochen her.

*

Ich schalte meine Bildschirme ein und setze mich mit dem ersten Kaffee des Tages in meinen Stuhl. Ich freue mich auf die nächsten Stunden: Heute ist Donnerstag, da ist meistens wenig los. Ich würde endlich wieder Gelegenheit haben, einfach nur Leute zu beobachten. Zwar hat Maras Gesicht meine Träume heimgesucht; zwar haben mich nach dem Aufstehen die Gedanken an diese berauschend schöne Frau und ihre Tochter geplagt, wie jeden Morgen. Aber seit kurzem fällt es mir leichter, die Geschichte an den Rand meines Bewusstseins zu drängen. Mich zumindest ein bisschen seltener damit zu beschäftigen. Ich glaube, langsam komme ich über Mara hinweg.

Ich sehe einem jungen Mann dabei zu, wie er die schlecht gestapelten Mineralwasserflaschen nach der richtigen Sorte durchsucht, als es an der Tür klopft. Mir fällt beinahe die Tasse aus der Hand, als Mara eintritt.

Sie lächelt. Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich sie lächeln sehe. Es wirkt seltsam; aber ich könnte mich daran gewöhnen.

"Ich möchte mich bedanken", sagt sie. Sie tritt näher heran. Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich aufgestanden bin; jetzt bereue ich es. Ich muss mich an der Stuhllehne festhalten, um nicht umzufallen. "Ich bin nie dazu gekommen - nein, um ehrlich zu sein, ich habe nie daran gedacht. Sie haben sich Mühe gegeben, mir zu helfen. Und Sie können nichts dafür, dass Emilia - nicht mehr hier ist." Ihr Lächeln wird breiter, aber aus ihren Augen platzen Tränen hervor.

"Sie ...", höre ich mich murmeln. "Geben Sie die Hoffnung nicht auf."

Sie kneift die Augen zusammen, schüttelt langsam den Kopf. "Die Leute glauben, das sei, was ich hören will. Das stimmt nicht. Wissen Sie, eigentlich habe ich Hoffnung. Hoffnung, dass Emilia irgendwo ein schönes Leben führt. Bei einer Frau, deren Kinderwunsch sonst unerfüllt geblieben wäre. Emilia war so klein, sie hätte keine Ahnung, dass diese Frau nicht ihre Mutter ist. Manchmal -" Sie sieht mir für einen flüchtigen Moment in die Augen. "Manchmal glaube ich, das wäre sogar besser für Emilia."

"Nein -", beginne ich, aber sie fällt mir glücklicherweise ins Wort. Nein, nichts ist besser, als mit dir zusammenzuleben, hätte ich wohl gesagt. Du bist das Schönste, das es gibt. Oder etwas Ähnliches. Ich spüre, dass ich keine Kontrolle über meinen Mund hätte, würde ich die Lippen nicht zusammenpressen. Ich konzentriere mich darauf, ihr zuzuhören.

"Ich war keine gute Mutter. Sie wissen, was passiert ist. Ich stelle den Kinderwagen kurz ab - und schon ist Emilia weg. Vielleicht ist sie jetzt bei jemandem, der besser auf sie aufpasst. Das hoffe ich wirklich. Das wünsche ich mir. Und das habe ich zu glauben beschlossen. Und nur, weil ich das glaube, kann ich mit meinem Leben weitermachen. Ich gehe nach Australien. Neustart, Sie verstehen. Und bevor ich das tu', möchte ich mich bei allen, die ... mit der Sache zu tun gehabt haben, noch einmal bedanken. Ich mach' den Anfang mit Ihnen, weil Sie eigentlich mehr oder weniger vom ersten Tag an dabei gewesen sind, nicht wahr?"

Sie wischt sich mit der linken Hand die Tränen aus dem Gesicht, lächelt - dieses Mal strahlen tatsächlich sogar ihre Augen, und ihre erstaunlich weißen Zähne werden sichtbar - und reicht mir die rechte Hand. Ich wende alle Kraft auf, die ich habe, um meine eigene Hand zu heben und ihre zu schütteln.

Und ehe ich noch etwas sagen kann, fällt die Tür wieder zu. Mara ist verschwunden.

Ich merke, dass meine Lippen sich von selbst gelockert haben, dass mein Mund offensteht. Keine Ahnung, wie lange ich schon hier wie erstarrt an Ort und Stelle harre. Langsam sickert durch, was Mara gesagt hat.

Sie geht nach Australien.

Das ist das letzte Mal gewesen, dass ich sie gesehen habe.

Ich beginne zu verstehen, was das bedeutet. Und merke endlich, dass ich nicht über sie hinweg bin.

Ich tue gar nicht erst so, als würde ich mich heute mit der Arbeit befassen können. Nach einem kurzen Blick auf die Bildschirme weiß ich, dass die Filialleiterin in ihrem Büro sein muss. Beinahe im Laufschritt gehe ich zu ihr, um mich krank zu melden. Mit aufgerissenen Augen stimmt sie mir zu: Ich sehe schrecklich aus, meint sie, ich solle nach Hause gehen, bevor ich mich im Laden übergebe.

Weit habe ich es nicht, was heute noch mehr als sonst ein Glück ist. Meine Kleidung ist schweißgetränkt, ich spüre mein Herz im Hals schlagen. Erstaunlich, wie ähnlich die Symptome denen sind, die bei früheren, glücklicheren Begegnungen mit Mara aufgetreten sind.

Ich nehme große Schritte durch den Vorraum ins Wohnzimmer und lasse mich auf das Sofa fallen. Vergrabe das Gesicht in den Händen.

Ich kann Mara nicht gehen lassen. Ich liebe sie. Und so, wie sie heute mit mir gesprochen hat, glaube ich, dass sie mich vielleicht auch liebt. Danke für Ihre große Hilfe, hat sie gesagt, oder? So etwas in der Art ... Sie waren von Anfang an dabei, danke, und ich bin bereit für einen Neustart - hat sie das nicht gesagt? Und - meint sie unter Umständen ... Vielleicht will sie mir etwas mitteilen, zwischen den Zeilen ... Oder vielleicht weiß sie es selbst gar nicht - vielleicht will ihr Unterbewusstsein mir zu verstehen geben, dass dieser Neustart - dass er mit mir sein sollte?

Ich muss mich beruhigen. Ich lege mich hin, atme tief durch. Mara braucht mich. Sie glaubt, sie sei eine schlechte Mutter, dass andere Frauen ihrer Tochter ein besseres Zuhause geben könnten. Ich muss Mara klar machen, dass sie sich irrt, dass sie perfekt ist. Spätestens dann weiß sie auch, dass sie mich liebt.

Endlich fügt sich alles. Endlich wird klar, was zu tun ist. Mein erster Plan ist nicht gut gewesen, das weiß ich. Ich blicke hinüber zu der offenstehenden Tür in die Küche, sehe die brummende Tiefkühltruhe. Als ich das kleine Mädchen damals aus dem Kinderwagen genommen habe, ist das unüberlegt gewesen. Ich habe ja gar nicht gewusst, wie man mit einem Baby umgeht. Und dass es gleich tot sein würde nach ein paar Stunden mit verklebtem Mund, versteckt in dem Schrank über meinen Bildschirmen - wie hätte ich das ahnen sollen? Aber gut - es ist nichts geworden aus der Entführung, die damit hätte enden sollen, dass ich das Kind finden und der Liebe meines Lebens zurückbringen würde. Damit diese erkennt, dass auch ich die Liebe ihres Lebens bin.

Aber jetzt will Mara ihre Tochter gar nicht mehr zurück. Jetzt will sie, dass Emilia anderswo glücklich ist. Und weil das sein könnte, geht sie fort. Für immer.

Es ist wohl Zeit, Emilia aus der Truhe zu holen. Man wird sie sicher noch identifizieren können. Dann weiß Mara, wo ihre Tochter ist. Dann sucht Mara Trost.

Bei wem, wenn nicht bei mir?


Über diese Geschichte

2015 habe ich diesen Text verfasst und ich kann bis heute nachempfinden, was mich zu ihm inspiriert hat - zumindest, wenn ich ein bisschen in meinen Tagebüchern und Notizen von damals stöbere. Das einzige, worin ich mir nachträglich unsicher bin, ist die Titelwahl. Alle, die schon einmal verliebt waren (und wer war das nicht?), stimmen mir wohl zu, dass das Innenleben, das mein Protagonist entblößt, nur im Entferntesten mit dem Zustand zu tun hat, den Verliebtsein auslöst.

Hätte ich mich für den Titel "Liebe" entscheiden sollen? "Liebe meines Lebens", so nennt der Protagonist der Geschichte die schöne Mara. Aber wer jemandem antun kann, was besagter Protagonist Mara und ihrer Tochter antut, der kann gar nicht wissen, was es bedeutet, zu lieben, meinen sicher viele derjenigen, die die Geschichte gelesen haben. Insofern täuscht sich der Protagonist vielleicht einfach, wenn er von Liebe spricht. Vielleicht ist er wirklich bloß verknallt. Und zusätzlich eben leider geistesgestört und gefährlich.

Aber dann vergleiche ich meine Erinnerungen an das Verliebtsein mit meinen Erinnerungen an das Lieben. Den Adrenalinschub durch das Klopfen eines verschossenen Herzens - im Vergleich zu der gleichsam beschwingenden und besänftigenden Quasi-Notversorgung, auf die das Herz schaltet, weil es sich ein bisschen überfordert fühlt von dem Umstand, dass da jetzt noch ein Körper ist, für den es immerzu schlägt. Die erregende Nervosität, die einer beginnenden Alkoholisierung ähnelt - verglichen mit dem Dauerrausch der wesentlichen Glückseligkeit, die Liebe erzeugt, und verglichen mit der wahrhaften Nervosität, wenn die geliebte Person sich zu weit entfernt, räumlich oder im übertragenen Sinn, einer Nervosität, die die Finger zucken lässt wie im takt- und talentlosen Tanz zu einer Melodie, die nur die Toten und die Todtraurigen hören können. Das berühmtberüchtigte Kribbeln im Bauch wie von Schmetterlingsflügeln - gegen das Gefühl, eine Ameisenschar krabble über dich, hundert Mücken saugten dein Blut und du schautest ihnen zu, einverstanden mit der Welt.

Letzteres sind seltsame Eindrücke, aber Eindrücke, die an die verzweifelte Intuition, die ganzkörperfüllende, einer hormoninduzierten Quasi-Illusion verschuldeten, extern erworbenen Zufriedenheit, die Liebe hervorrufen kann, erinnern. Wie einem tiefsitzenden Glauben selbstverständlich, in logischer Konsequenz, gelegentlich die Epiphanie folgen wird, so folgt dem Lieben die Ansicht, alles sei gut; eine Ansicht, die sogleich mit einer Einsicht verwechselt wird und fortan das Leben im Ganzen zu bestimmen scheint.

All diese Spekulationen erlauben mir, zu behaupten, dass der Protagonist von "Verliebt" eben doch - liebt.

Verstehen Sie den Titel bitte einfach als Kommentar und Gedankenanstoß.