Work work work work work work (2017)

09.05.2018

Mit einer Hand am Telefonhörer, weil die Chefin gerade anruft, und der anderen Hand am Drucker, weil ich auf das vollständige Dokument warten muss, bevor ich im Gespräch mit der Chefin etwas Sinnvolles zu sagen habe, sitze ich in meinem veralteten Drehstuhl, in den vor mir schon vier andere Assistentinnen und Assistenten ihre Hintern gedrückt haben, und hoffe inständig, dass das, was Martin an meinen Schreibtisch getrieben hat, noch ein bisschen Zeit hat und stressfreier Natur sein wird. Er hat zumindest Nachsicht und fängt nicht zu sprechen an, wartet wohl, bis ich ihn ansehe oder sonst irgendein Zeichen gebe, dass ich für neue Aufgaben, Informationen oder Fragen bereit bin. Darauf kann er leider lange warten.

Seite siebzehn ist gedruckt, ich ziehe das Dokument aus dem Drucker, lege es vor mich hin, will abheben - und die Chefin legt auf. Frustriert will ich sie zurückrufen, als eine externe Nummer für die Personalabteilung anruft; die Personalabteilung bin gegenwärtig ich, weil Loretta auf Urlaub und die Durchwahl daher auf mich umgeleitet ist. Ich kann ein angewidertes Raunen nicht unterdrücken, hoffe, dass die Person am anderen Ende der Leitung es nicht gehört hat, habe aber definitiv den Hörer am Ohr, bevor das Geräusch ein Ende genommen hat, also stirbt die Hoffnung. Da sie bekanntlich zuletzt stirbt, bin ich wohl tot. Die Stimme am anderen Ende klingt verdutzt, also hat sie meinen milden Gefühlsausbruch offenbar tatsächlich mitbekommen. Während sie ihr Anliegen beschreibt - Beratung, blah, irgendetwas, das uns nicht interessiert und sonst vermutlich auch keine Firma der Welt -, ruft die Chefin schon wieder an. Ihre Nummer blinkt auf dem Telefondisplay wie ein Warnhinweis, ein besonders ungeduldiger Warnhinweis, Achtung Achtung, Explosion im Atomkraftwerk, Meteor rast auf Österreich zu, Aliens haben Sebastian Kurz entführt, Sebastian Kurz hat Aliens entführt.

Personalberatungsfrau abgewimmelt und auf nächste Woche vertröstet, Telefon aufgelegt, Telefon abgehoben -

"Hallo!"

"Grüßi - wie geht's?"

"Gut."

"Ich brauch' die Nummer vom Theodor. Wimmerbeck Theodor."

"Windböck meinst?"

"Genau. Schick's mir bitte per E-Mail."

"SMS meinst?"

"Genau."

Die Chefin legt auf, und ich wende mich endlich Martin zu. Das siebzehnseitige Dokument lege ich erstmal beiseite, das werde ich sicher noch brauchen. Oder zumindest möglicherweise. Als die Chefin danach verlangt hat, hat es dringend genug geklungen, um davon ausgehen zu können, dass das zumindest mit sechzigprozentiger Wahrscheinlichkeit noch relevant wird.

"Bitte", sage ich zu Martin.

"Unser Drucker druckt ned."

Ich seufze ausgiebig. Wie auch nicht, das hab' ich mir verdient. Aber pflichtbewusst und fleißig wie ein dressierter Bonobo hebe ich mich auf meine Beine, um Martin voraus zum Drucker im Nebenraum zu marschieren.

Wenn ich im Büro bin, bin ich nicht ich. Es stimmt. Ich glaube, das ist etwas, wovor viele Angst haben, was sich andere für sich selbst wünschen, und was bei den wenigsten möglich ist. Warum sollte man Angst davor haben? Weil alle gerne einen Job hätten, mit dem sie sich identifizieren können, in dem sie aufgehen können, den sie zu einem Teil ihrer Persönlichkeit machen können und machen wollen - und weil niemand gerne jemand anderes ist als sie oder er selbst; sogar, wer mit sich selbst unzufrieden ist, will nichts anderes sein, sondern lernen, mit sich zufrieden zu werden. Und warum sollte man sich dann trotzdem wünschen, jemand anderes zu sein im Büro? Weil kaum jemand einen Job hat, mit dem sie oder er sich identifizieren kann, und weil das Gefangensein in diesem Job wahrscheinlich der Grund ist, warum man so unzufrieden mit sich ist. Wäre es nicht schön, einfach sagen zu können: Das bin gar nicht ich, der dort schleierhaft formulierte, fehlerbehaftete E-Mails beantwortet und anstrengende Telefonate mit zum Teil gestressten, zum Teil gelangweilten, zum Großteil scheinbar gehirnlosen Fremden führt? Sagen zu können, in diesen vierzig Stunden bin ich gar nicht da? Ich macht Pause, schläft, ist kurzzeitig tot und meldet sich später wieder?

Solche Gedanken spuken mir meist im Kopf herum, während ich Drucker repariere und Post verteile und Akten ordne. Worüber soll mein Kopf auch sonst nachdenken? Die Therapie hat genug gekostet, wäre schlimm, wenn der teuer erstandene mentale Selbstschutz nicht immer noch aufrecht stünde. Alle anderen Ideen, alle anderen stumm geflüsterten Synapsenwinde, alle außer diese spekulativ pseudophilosophischen, die gerade abstrakt genug sind, um nicht so in einem handelsüblichen Lebensratgeber gelesen werden zu können - alle anderen Gedanken, die ich denken könnte, während ich Büromaterial inventiere und in Excel-Tabellen an SVerweisen scheitere, sind viel zu destruktiv, viel zu erfüllt von dem Selbsthass eines Selbst, das erkannt hat, dass das hier eben doch ich bin, als dass ich sie zulassen könnte.

Der Drucker macht Tüt und das Licht blinkt grün und der Druck ist wieder möglich, und Martin bedankt sich mit einem schon vielfach getätigten Scherz über unwillige Technologien, und ich entlocke meiner Kehle ein Glucksen und murmle ein "Ja", bevor ich zu meinem Platz zurückkehre, wo, Überraschung, das Telefon läutet.

Ich habe meinen Lieblingsradiosender laufen, und bevor ich abheben kann, höre ich erstaunt, dass er untypischerweise einen Song von Rihanna spielt, den ich mag - ebenso untypischerweise, ich bin nicht so der Fan von Pop und auch nicht von R'n'B und schon gar nicht von Musik, die angeblich beides ist und bei der man genau deshalb beides nicht mehr erkennt. Beinahe muss ich tatsächlich schmunzeln, weil das Lied so gut passt, klingt, als würde die Frequenz gerade spezifisch mit mir kommunizieren. Ein narzisstischer Gedanke, natürlich, aber welche Europäerinnen und Europäer meiner Generation leiden nicht an einer narzisstischen Störung? Wir werden geboren und kriegen zu hören, wie toll wir sind, weil wir den richtigen Ausgang aus dem Mutterkörper gefunden haben, dann wachsen wir endlos behütet auf, weil es unseren Ländern halbwegs gut geht und alles, was nicht passt, von uns ferngehalten wird, und kaum werden wir in der früheren oder späteren Jugend mit der echten Welt konfrontiert, ist das gar nicht die echte Welt, weil wir in der Jugend nur lernen, wie wir unser ideales Image im World Wide Web generieren und nach der Jugend nie gelernt haben, jetzt zu lernen, dass das Image nicht wichtig ist und die Wide Webbed World ganz andere Probleme für uns bereithalten wird, denen zuliebe wir das mit dem Image bestenfalls wieder vergessen sollten, wenn wir überleben wollen.

Puh, fast platonisch, dieser spezielle Hirnfurzschmarrn. Ich bin kein Fan von Platon, also lass' ich diese Gedanken los, konzentriere mich auf Rihannas Stimme - "work, work, work, work, work, work", befiehlt sie mir - und nehme den Anruf entgegen.

Es ist neun Uhr morgens, und ich kann nicht darum herum, den Tag vor dem Abend zu schelten.

Nicht, dass das Leben nicht auch Positives bereitzuhalten wüsste. Ich habe den Bürotag überlebt und bin auf dem Weg die Straße runter zur Bushaltestelle, als ich an der digitalen Anzeige sehe, dass ein Stau in der Zufahrt das Eintreffen des Busses um zusätzliche fünf Minuten verzögert, was heißt, dass sich noch eine Zigarette ausgeht, bevor ich einsteige, und wenn das mal nicht was Nettes ist. Ich zünde mir die Zigarette an, ziehe daran und freue mich insgeheim, dass ich weiter an meinem Krebs arbeite, der schon so lange eines meiner unbewussten, ganz selten sogar bewussten Hauptprojekte ist, und versuche, mir einzureden, dass die Live Fast Die Young-Attitüde auch noch umsetzbar ist, wenn man abends nach dem Arbeiten immer zu müde ist, um noch irgendwas schnell zu machen, oder irgendwas zu machen, das man für etwas Schnelles halten könnte. Während ich rauche, schaue ich mir auf Instagram bebilderte, vor Selbstironie triefende Gedichte an, die von dem Leben aktuell Mittezwanzigerinnen und Mittezwanziger erzählen, und gestehe mir selbst ein, dass das, was ich da lese und sehe, lustig wäre, wenn es nicht so traurig wäre. Und als der Bus einfährt und ich die fast schon über den Filter hinaus gerauchte Zigarette unter meinem Schuh erdrücke, nehme ich am Rande wahr, dass die Welt noch ein bisschen grauer geworden ist, seit ich das Handy gezückt habe, was bedeutet, dass der Sonnenuntergang im Gange ist, und dann kann ich ja wenigstens bald schlafen gehen, na schau' einer an.

Ja, Positives gibt's im Leben.

Meine Wohnung ist nicht groß, aber sie ist meine Wohnung. Ich habe mal in einer noch kleineren gelebt und weiß nicht mehr, wie ich das ausgehalten habe. Aber da habe ich ja nicht allein drin gelebt, und wenn man nicht allein ist, lebt es sich halt leichter. Wie ich mich gefreut habe auf meine eigene Wohnung damals, weil jetzt kann ich ja endlich machen, was ich wirklich machen will. Niemanden hat es mehr schockiert als mich, als ich erkannt habe, dass ich eigentlich gar nichts machen will, jetzt, wo ich allein bin. Das hat schon allein deshalb niemanden mehr schockiert als mich, weil ich es niemandem erzählt habe.

Beim Abendkaffee erzählt mir derstandard.at in einem winzigen Artikel, den ich nur unabsichtlich angeklickt habe, dass Forscher vom MIT an einem Tablet arbeiten, das deine Intentionen spürt und mit den Dokumenten, die du auf dem Tablet ansiehst, irgendeine entsprechende Aktion ausführt. Ich verstehe nicht, wie das möglich sein soll, aber ich stelle mir vor, wie meine Chefin dem Tablet per Gedankenübertragung mitteilt, dass etwas gedruckt oder versendet gehört, stelle mir vor, wie sich mein Job endgültig auf Telefonhörerabheben und Druckerreparieren und Papiernachlegen reduziert und frage mich, ob ich das gut fände. Dann fällt mir ein, dass ich wahrscheinlich keinen Job mehr hätte, wenn das meine Pflichten wären, Pflichten, die auch ganz nebenbei von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die noch wichtige Aufgaben haben, erledigt werden könnten. Dann fällt mir ein, dass eine Telefonanlage noch viel leichter automatisierbar ist als ein Assistent, und dass man das Tablet wahrscheinlich eh im Package mit einem Telefonroboter kaufen kann. Und weil ich mich nicht entscheiden kann, ob ich es gut fände oder es das Ende meines Daseins wäre, wenn ich gefeuert werde, frage ich mich lieber, ob es wirklich nur Forscher vom MIT sind, die an der Sache arbeiten, oder ob derstandard.at sich nur zu cool findet, um zu gendern und die Forscherinnen zu berücksichtigen, und mit der Frage kann ich mich kurz amüsieren, kurz, aber lang genug, um meinen Abendkaffee auszutrinken und die Tasse auszuwaschen.

Hui, das war ein Tag.

Beim Versuch, einzuschlafen, bereue ich es, dass ich den Abendkaffee nicht mit Rum gespiket habe, und ich bereue es noch mehr, dass ich mir selbst versprochen habe, kein Cannabis mehr zu rauchen, denn hätte ich nicht die dumme Entscheidung getroffen, ab jetzt das mit dem Vernünftigsein zu probieren, wäre der Einschlafversuch wenigstens nicht ganz so mühsam. Irgendwann schlafe ich trotzdem ein und träume irgendwas, ich kann mich nach dem Aufwachen nicht erinnern, was, ich vermute auch nur, dass ich geträumt habe, weil angeblich tut man das ja jede Nacht, ob man sich erinnert oder nicht, zumindest behaupten das Schlafexpertinnen und Schlafexperten, kurz gesagt, die Hirnforschung halt behauptet das. Hirnforscher, das wäre eigentlich ein cooler Job. Schade, dass ich zu dumm dafür bin. Oder schade, dass man mir eingeredet hat, ich sei zu dumm dafür, und schade, dass ich das geglaubt habe. Dafür, dass ich zu dumm dafür bin, ist es mir eigentlich recht gut gegangen im Studium. Aber jemand, ein Freund von damals, hat gemeint, es geht mir offenbar gar nicht gut, und ich soll aufhören. Ja, hab' ich damals gemeint, ja, wenn ein Freund das sagt - das wird schon stimmen, nicht? Wenn die, die so tun, als würden sie sich um mich kümmern und sorgen, so tun, als entdeckten sie in meinem Verhalten Grund zu Kummer und Sorge, kaufe ich ihnen das immer ab. Ich bin viel zu dankbar dafür, dass überhaupt wer auf mich schaut.

Mit diesen Überlegungen wache ich tatsächlich auf, von ihnen werde ich in die Dusche begleitet und sie tragen mich bis in mein Büro, unterbrochen nur von ein paar bösen Erinnerungen, die irgendwie, aber vielleicht auch nicht, mit ihnen zusammenhängen.

Warum genau hab' ich mit der Therapie schon aufgehört?

Ah ja. Geld.

"Heut' funktioniert da' Drucker", teilt Martin mir mit einem Augenzwinkern mit, als er in die Küche kommt, um sich einen Kaffee zu holen. Ich bin in der Küche, weil dort Rauchen erlaubt gewesen ist, als ich hier angefangen habe, und obwohl das jetzt nicht mehr der Fall ist, weil das Ministerium uns draufgekommen ist, zieht es mich immer noch her, wenn mir nach einer Zigarette zumute ist, ich bin halt doch auch ein Gewohnheitstier.

Ich lächle Martin zu, weil eigentlich ist die Botschaft ja eine frohe und das Augenzwinkern eine nette Geste, ein Symbol eines gemeinsamen Verständnisses, eines Insiderjokes, einer Verbundenheit, und wer ist nicht gern mit irgendwem, aus welchem Grund auch immer, verbunden. Aber eigentlich denke ich darüber nach, wo ich hingehen könnte, um tatsächlich eine zu rauchen, nicht nur eine rauchen zu wollen, und bestenfalls allein. Das Lächeln bleibt mir trotzdem auf den Lippen, während ich an ihm vorbei aus der Küche spaziere, weil ich habe mal gehört, wenn man lächelt, geht es einem automatisch besser, das sagt die gleiche Hirnforschung, die auch sagt, man träumt immer, und außerdem freut es die Leute sicher, wenn sie mich lächeln sehen, und warum sollte ich ihnen keine Freude machen, lieb sind sie ja alle voll. Martin ist auch lieb, und die Chefin auch, also bitte, was kann man sich mehr wünschen. Die Chefin ist da heute, sie steht bei meinem Schreibtisch und scheint auf mich zu warten, in einem schicken grünen Kleid und mit ihrer silbernen Handtasche umgehängt. Vielleicht ist sie am Aufbrechen, vielleicht hat sie nur vergessen, die Handtasche abzulegen. Wenn viel zu tun ist, wird sie oft ein bisschen chaotisch und schusselig und gestresst, aber das macht nichts, denn sie zählt zu den Menschen, die besser arbeiten, wenn sie gestresst sind. Und ich bin einer von denen, die nur dann nicht gestresst sind, wenn um sie herum Stress und Chaos herrschen. Deswegen ergänzen wir einander ja so gut. Wahrscheinlich werde ich genau deswegen meinen Job auch dann noch haben, wenn es Tablets gibt, die meine Arbeit genauso machen könnten. Wahrscheinlich wird das sogar zum Problem, wenn ich irgendwann einmal von mir aus beschließe, dass es endlich an der Zeit ist, durch ein Tablet ersetzt zu werden.

Ihr jetziges, ihr ganz gewöhnliches Tablet, das keine Gedanken lesen kann, befindet sich in den Händen meiner Chefin, zwischen verkrampften, arthritisgeplagten Fingern, und die Bossfrau ist ganz vertieft in ihre Bossangelegenheiten, die den Bildschirm ausfüllen, aufgeblasen auf mindestens einhundertzwanzig Prozent Zoom, weil die alten Augen hinter der alten Hornbrille sonst nichts erkennen können. Muss schlimm sein, wenn man sein Leben damit verbringt, Expertin zu werden, und dann plötzlich nicht mehr Expertin ist, weil man nur Papier gewohnt ist und von heute auf morgen alles anders ist, und die wahren Expertinnen und Experten nachrücken, ganz ohne eigentliche Expertise, aber mit ganz viel Erfahrung in Sachen Tablets. Gut, von heute auf morgen ist übertrieben. Aber für sie hat es sich wahrscheinlich so angefühlt, denke ich, als ich meine Chefin anschaue, jetzt nicht mehr lächelnd, sondern mit der konzentrierten, ernsten Miene, die ich - pflichtbewusster, dressierter Bonobo - ihr immer präsentiere. Ich warte eine halbe Minute, bis sie endlich aufblickt, mich wahrnimmt und fragt, ob Robert im Haus ist. Ich sage ihr, dass Robert im Haus ist, ja, und sie legt ihr Tablet ab und eilt Richtung Robert, und ich denke mir, gut, jetzt kann ich eine rauchen gehen.

Es ist zwölf Uhr, Mittag, heißt das, und viele gehen jetzt essen. Ich hoffe, dass Robert nicht essen ist, aber warte nicht, bis ich es herausgefunden habe, sondern gehe in den Hof, die Zigarette schon zwischen den Fingern.

Der Hof ist gerade eine Baustelle und der Zaun zur Straße daher ein lädiertes Drahtgitter. Durch die verwobenen Löcher entdecke ich ein FPÖ-Plakat und daneben eine Bierwerbung. Ein Auto mit eingeschlagener Beifahrertür parkt vor beiden und es sieht aus, als säßen Straches Gesicht und die vollbusige Trachtenmadame, die die Bierkrüge hält, beide auf dem Dach des Fahrzeugs. Ich frage mich, ob ich ein Foto davon machen soll, weiß dann aber nicht, wozu, und unterlasse es natürlich, und wer weiß schon, wie falsch das verstanden wird, wenn ich was von der FPÖ auf Facebook oder Insta teile, aber naja, mir würde schon ein schlauer Spruch einfallen, der meine Einstellung präzise zum Ausdruck bringt, ohne ihrer Komplexität gerecht zu werden, und dann wüssten alle, dass ich eh kein Fan bin von Strache und von Bier und von Titten in Trachten, und das ist ja gut, wenn alle wissen, wer ich bin und wo ich mich positioniere, weil sonst bin ich's ja gar nicht und positioniert bin ich sonst erst recht nicht. Deswegen ist es auch gut, dass im Büro so offen über Politik gesprochen wird, und dass alle fast jeden Tag eine Gelegenheit finden, oder eine Gelegenheit schaffen, um einander zu versichern, dass sie eh nie Blau wählen würden und dass sie eh nichts gegen die Ausländer haben, hui, da wird wüst geschimpft über all jene, die das anders sehen, aber solche kennen wir ja eh alle nicht, das sind ja die wahren Fremden. Ich glaube, ich bin der einzige, der weiß, dass Manuela die Blauen wählt, und ich weiß nicht, wie lustig sie das findet, wenn alle darüber schimpfen. Aber ein Teil von mir findet ja fast, dass sie das verdient. Ein anderer Teil findet die Manuela auch lieb, irgendwie, und wie das mit der Demokratie war, das hab' ich auch noch so halb im Kopf. Am Arbeitsplatz gibt es sowas halt offenbar nicht. Demokratie. Oder ist es gerade dann Demokratie, wenn die, die anderer - falscher? - Meinung sind, von der Mehrheit niedergemacht werden? Jetzt, wo ich darüber nachdenke: Ja. Eigentlich ja.

Aus einer Zigarette werden zwei und sicher kehren manche schon bald vom Mittagessen zurück. Vorher sollte ich auf dem Platz sein, weil wenn sich das Büro wieder füllt, wird von mir erwartet, dass ich schon dort bin, und die meisten wissen, dass ich selbst eigentlich gar nicht Mittagessen gehe in der Mittagspause, und das ist eigentlich die Ausrede, die allen erlaubt, überhaupt so lange vom Platz weg zu sein. Ich will einen letzten Blick auf Strache werfen, schäme mich ein bisschen dafür, dass er stattdessen an den Brüsten der Bierkellnerin hängen bleibt, und lasse ihn weiterschweifen Richtung Tür, durch die ich gleich darauf trete, zurück ins Büro, juhu.

Als das Telefon läutet, bin ich für einen Augenblick verwirrt, weil es nicht klingt wie sonst. Dann begreife ich, dass es nicht die Bürofestnetzanlage ist, die da tüdlÜDLütet, sondern mein Handy, das DüdüdüdüDÜdüt macht. Ich habe meinen Klingelton schon so lange nicht mehr gehört, dass ich vergessen habe, dass ich überhaupt einen eingestellt habe. Die Nummer kenne ich nicht.

"Hallo?"

"Hallo. Ich bin's."

Ich weiß kurz gar nicht, was ich antworten soll. "Hast du eine neue Nummer leicht?", entkommt mir dann.

"Ja, neues Handy. Wie geht's dir?"

"Was gibt's denn?"

"Ich wollt' nur sagen, ich hab' jetzt wieder bissi Geld. Daher das neue Handy."

Super, gratuliere, denke ich. "Aha."

"Ich werd' jetzt halt meine Schulden begleichen, oder?"

"Ja, wäre gut."

"Schickst mir deinen IBAN?"

Hast den nicht mehr?, will ich erst fragen, aber ich bremse mich gerade rechtzeitig, weil natürlich ist die Antwort ein klares Nein, ist ja über ein Jahr her.

"Mach' ich. Auf die Nummer einfach?"

"Ja, kannst ihn mir auch gleich durchsagen -"

"Nein, ich schreib' lieber. Dann kannst ihn nicht falsch aufschreiben. Und außerdem hab' ich zu tun, ich bin in der Arbeit."

"Bist du noch -?"

"Ja, immer noch."

"Also g'fallt's dir eh doch? Das ist -"

"Du, ich muss was machen, ja?" In dem Job, den ich angenommen habe, damit ich uns die Wohnung leisten kann. Aber dann hab' ich zu viel gearbeitet für deinen Geschmack, weißt noch? "Tschau."

"Okay, tschau."

Ich lege auf.

"Geht's jetzt?", fragt die Chefin, von der ich nicht bemerkt habe, dass sie hinter mir steht und wartet, bis ich zu Ende telefoniert habe. Schamhaft nicke ich, nicht schamhaft, weil sie mich dabei erwischt hat, wie ich am Arbeitsplatz ein Privatgespräch führe, sondern schamhaft, weil ich dieses Privatgespräch geführt habe. Warum auch immer ich mich schämen sollte.

Am nächsten Morgen habe ich schon das Geld auf dem Konto. Eigentlich muss ich wohl überrascht sein, gerechnet habe ich damit nicht mehr. Aber das mit dem Überraschtsein verlernt man auch nach einer Weile, glaube ich. Man wird halt erwachsen oder wie das heißt.

Ich habe die Nummer natürlich nicht eingespeichert, aber sie ist noch in meinem Log, und ich kämpfe den ganzen Tag über mit mir: Zurückrufen? Nachfragen? Ich will, aber es ist das letzte, was ich will, und dabei immer noch das einzige, das ich will. Aber bringen tut's nichts, außer Kummer, befürchte ich, und den brauch' ich gerade am allerwenigsten.

Ich schaue mir die Zahl auf meinem Konto an und merke, dass ich meinen Kopf sanft hin und her schüttle. Unfassbar, wie viel da über Nacht dazugekommen ist. Unfassbar, insgesamt, das alles. Geld kommt immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet, hat mir meine Großmutter einmal erklärt, stolz in der alten Menschen ureigenen arroganten Weisheit, oder weisen Arroganz, von der mir nie ganz klargeworden ist, wieso fast alle alten Menschen glauben, sie hätten einen Anspruch darauf, arrogant zu sein und sich für weise zu halten. Das meiste, was mir alte Menschen gesagt haben, hat sich früher oder später als Blödsinn erwiesen. Vielleicht stimmt dieser Satz ausnahmsweise einmal, weil mit anderem Geld als meinem Gehalt habe ich gar nicht gerechnet, überhaupt aus der Richtung, aus der es gekommen ist. Ich erinnere mich, dass Geld mir mal wichtig gewesen ist, dass ich es für ganz bedeutsam gehalten habe, dass man immer ein bisschen was auf der Seite hat, einen Polster, damit einem ja nicht der Boden unter den Füßen weggezogen werden kann, wenn's mal hart auf hart kommt, aber was für eine blöde Metapher ist Polster dann eigentlich, ein Polster ist ja kein Boden, auf einem Polster zu stehen, kann nur schlecht enden. Weil er dich auffängt, denke ich, daher kommt das wohl, weil du dich auf ihn werfen kannst, wenn du müde bist, und er ist weich und du kannst einschlafen, weil was gibt es Schöneres, das sagen sie alle, was ist besser, als nach getaner Arbeit, nach Mühsal und Kampf und Problemen des Tages sich einfach hinzuschmeißen und auszuruhen auf einem weichen Polster. Ruhe, das Recht auf einen Polster - das Opium für die Massen, die endlich gelernt haben, ohne Religion auszukommen. Oder das zumindest von sich glauben.

Ich bin selbst schuld. Das schießt mir durch den Kopf und ich habe keine Ahnung, worauf es sich bezieht. Aber ich spüre, dass es stimmt. Jedes Härchen auf meinem Körper verneigt sich vor diesem Gedanken, jede Faser meines Nervennetzes applaudiert, als wäre das die Wahrheit, von der niemand erwartet hätte, dass sie jemals entdeckt wird. Lustig, eigentlich, wenn man bedenkt, dass es ein dreimal unterstrichenes, mit gelben Leuchtstift markiertes Ziel meines Therapeuten gewesen ist, mir endlich auszureden, ich sei an allem schuld.

Die Chefin huscht an meinem Schreibtisch vorbei, Robert folgt ihr mit nervöser Miene, und Martin kommt vom Mittagessen zurück und zwinkert mir zu, und Loretta kommt vom Urlaub zurück und erzählt Manuela und Cornelia, wie schön der Urlaub war, und ich sitze an meinem Platz und lass das Telefon dreimal läuten, keine Lust, abzuheben, wieso auch, die sind selbst schuld, wenn sie mich anrufen. Und ich schaue allen zu beim Rumlaufen und Austauschen und Plaudern und Schimpfen und denke still bei mir, wir sind ja alle selbst schuld.

Zuhause falle ich auf meinen Polster.

Zur Abwechslung erinnere ich mich an meine Träume. Oder auch nicht, weil die Hirnforschung sagt ja auch, jede Erinnerung, vor allem die an einen Traum, ist nur eine artifizielle Rekonstruktion, weil es anders gar nicht möglich ist, sich Bilder (oder Videos?) abzuspeichern im Kopf als in Quasi-Abbildungen auf dem Nervennetz, Abbildungen, da ist er schon wieder, der Platon.

So oder so, soweit ich weiß, habe ich geträumt, dass ich im Büro bin, und dass meine beste Freundin mich anruft, meine beste Freundin, die gerade in der Schweiz ist mit Aufenthaltsstipendium und die voll beschäftigt ist, ich kann ihr gar nicht böse sein, dass sie sich nicht meldet und nicht auf meine Messages antwortet. Aber im Traum hat sie sich gemeldet und sie hat gefragt, ob ich nicht auch kommen mag in die Schweiz, und ich hab' gesagt, ja, sicher, gerne, ich hab' jetzt gerade eh viel Geld, ich komm' rüber, bis in ein paar Stunden, aber nach dem Auflegen hat mein Telefon nicht aufgehört zu läuten und so habe ich nicht weggehen können von meinem Schreibtisch, nicht und nicht und nicht, aber wenigstens ist da ein Polster unter meinem Hintern, auf dem sitze ich sehr weich.

In der Dusche denke ich darüber nach, was für dumme Dinge, was für schlimme Dinge ich eigentlich schon gemacht habe, ohne jemals darüber nachgedacht zu haben, wie dumm und schlimm sie sind.

Auf dem Weg zur Arbeit komme ich an den Plakaten von Strache und der Bierfrau vorbei und von nahem sehe ich, wie offensichtlich photoshopped beide Bilder sind, aber das Auto mit der eingeschlagenen Tür ist weg, also bitte, es gibt noch Veränderung.

Es ist Freitag, es ist dreiviertelacht Uhr am Morgen, heute nach der Arbeit beginnt das Wochenende, und ich habe Pläne. Ich kenne sie nur noch nicht.

Um neun Uhr erkenne ich, dass die Dinge alle gar nicht so dumm und schlimm gewesen sind.

Und oh, ich habe ja Geld am Konto.

Am Abend stehe ich am Bahnhof und beobachte die Security, und die Leute vom Ströck, und die Ticketverkäufer, und die Dame am Informationsstand, und die Trafikantin, und ich frage mich, wie gut die alle ihr Leben eigentlich finden. Ich schaue einer jungen Mutter dabei zu, wie sie versucht, ihr Kind zu beruhigen, und ich höre zu, wie ein elegant gekleideter Herr und die noch viel eleganter gekleidete Frau, die ihn begleitet, darüber sprechen, wie anstrengend die bevorstehende Weihnachtsfeier wieder sein wird, aber egal, sie trinken eh nichts mehr beide, und wenigstens dürfen sie dann eine Stunde früher aufhören, und die Frau lacht humorlos, sagt ja, theoretisch, aber wart' nur, dem Chef fallt sicher was ein, was dann doch länger dauert, und natürlich muss sie dann sitzen bleiben noch zwei Stunden, weil dann ist sie ja plötzlich ein ernstzunehmender Mitarbeiter und keine Mitarbeiterin mehr, dann, wenn's um Wichtiges geht, "und hast du eigentlich Zigaretten dabei?" Und während sie zum Bahnsteig gehen, um eine zu rauchen, und die Mutter ihr Kind endlich in den Kinderwagen gezwängt hat, und die Trafikantin lautstark mit jemandem am Telefon streitet und gleichzeitig einer Eindeutiguntersechzehnjährigen ein Packerl Marlboro verkauft, und die Dame am Informationsstand mit traurigem Blick darauf wartet, dass jemand kommt, um informiert zu werden, und einer der Ticketverkäufer jemanden anschnauzt, weil der seinen Studentenausweis nicht mit hat, und beim Bäcker gleichzeitig freundliche Stimmen gehoben und begeisterungslose Blicke ausgetauscht werden, und ein Security-Kerl sich an der Nase kratzt und dreinschaut, als würde er gerade den gesamten Verlauf seines bisherigen Lebens infrage stellen - währenddessen schaue ich noch einmal auf die Anzeige und erkenne, dass immerhin weitere drei Minuten vergangen sind, seit ich zuletzt hingeschaut habe. In einer Viertelstunde fährt mein Zug, und ich glaube, meine beste Freundin wird sich über den Überraschungsbesuch freuen. Und wenn sie keine Zeit für mich hat, weil sie so beschäftigt ist, dann lerne ich dort eben andere Leute kennen, oder lese in irgendwelchen Cafés endlich meine Sammlung von Platons Frühwerken aus.

Ich drücke den Weiter-Button auf meinem veralteten MP3-Player und bin irgendwie überrascht und irgendwie gar nicht überrascht, als ich die ersten Töne des Songs höre, den Shuffle-Play mir auftischt. Ich höre Rihanna zu und lächle, weil mir danach zumute ist.